Ausstellung
Fotodepot, Sammlung SpallArt, Salzburg
7. März bis 3. Oktober 2026
Nach der erfolgreichen Präsentation in Köln ist die Ausstellung In the Lights of Shadows nun im Depot in Salzburg zu sehen. Die Auswahl der Sammlung SpallArt widmet sich einem der zentralen Spannungsfelder der Fotografie: dem Zusammenspiel von Licht und Schatten – jenen elementaren Kräften, aus denen jedes fotografische Bild hervorgeht.
Depot der Sammlung SpallArt
Jakob-Auer-Straße 8
5020 Salzburg
geöffnet
jeden ersten Samstag im Monat
von 11 bis 14 Uhr
7. März, 4. April, 2. Mai, 6. Juni, 4. Juli, 1. August, 5. September
und zur Langen Nacht der Museen im Oktober 2026
Bereits 1839 beschrieb Henry Fox Talbot die Fotografie als „the art of fixing a shadow“. Diese Metapher ist bis heute Leitmotiv geblieben. Licht macht sichtbar, modelliert Formen und schreibt Zeit ein; doch erst der Schatten verleiht Tiefe, Struktur und Ambivalenz. Er kann konturieren oder verbergen, kann Eigenleben entwickeln und Geheimnisse andeuten.
Die Ausstellung spannt einen Bogen über zwei Jahrhunderte Fotogeschichte: von ikonischen Positionen wie Edward Weston, Ansel Adams und Mary Ellen Mark bis hin zu zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern wie Liddy Scheffknecht oder Joel Meyerowitz.
Westons berühmte Aufnahme Pepper No. 30 (1930) zeigt, wie Licht und Schatten ein alltägliches Objekt in eine skulpturale Erscheinung verwandeln. Die Paprika wird zur Studie über Oberfläche, Volumen und sinnliche Präsenz – eine radikale Absage an den Piktorialismus zugunsten einer klaren, modernen Bildsprache.
In der Aktfotografie formen Schatten den Körper und verleihen ihm plastische Dichte, wie etwa in der Serie Nu de la mer von Lucien Clergue. Bei Roger Schall wiederum entwickelt der Schatten ein irritierendes Eigenleben: Er schreibt Begehren in das Bild ein und macht die Fotografie selbst zum Thema. So wird der Schatten nicht nur formbildendes Element, sondern Reflexion über Wahrnehmung und Projektion.
Andere Arbeiten führen die poetische oder dramatische Dimension des Schattens vor Augen. Von grafischen Strukturen im Souk von Marrakesch bis zu nächtlichen Stadtszenen, in denen Architektur zur Bühne wird. In der Fotografie Under the EL, New York City (1948) von Clemens Kalischer zerschneidet ein massiver Schattenraum das Bild und steigert die Szene zu einer beinahe filmischen Verdichtung.
Der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun‘ichirō formulierte 1933 in seinem Essay Lob des Schattens den Wunsch, „unsere schon halbverlorene Welt der Schatten wenigstens im Bereich des literarischen Werks wieder aufleben zu lassen.“ Die Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung tun dies in der Fotografie. Besonders im Hinblick zunehmender Helligkeit und visueller Reizüberflutung setzen sie der Lichtfülle eine differenzierte Poetik des Schattens entgegen.
Eine besondere Hommage gilt dem österreichischen Künstler Fritz Simak – ihm ist ein eigener Bereich auf der Galerie gewidmet. Seit den 1970er Jahren erforscht er in konzeptuellen Serien systematisch die Bedingungen des fotografischen Bildes. In seiner Arbeit Doppler (1973) wird ein alltäglicher Gegenstand durch minimale Verschiebungen des Lichteinfalls transformiert. Die Bildfolge wirkt wie eine visuelle Partitur, in der Licht und Schatten als rhythmische Elemente eingesetz werden. Simak war und ist nicht nur künstlerisch prägend, sondern auch ein wichtiger Impulsgeber der Sammlung SpallArt.
Mehr dazu unter Fritz Simak. Im Rhytmus von Licht und Schatten
Mit Werken von:
Ansel Adams, Walter Bartsch, Werner Bischof, Josef Breitenbach, Marilyn Bridges, Harry Callahan, Paul Caponigro, W.P.A. Chambers, Lucien Clergue, Ralf Cohen, Alfred Eisenstaedt, Walker Evans, Adolf Fassbender, Horst Hahn, Magdalena Jetelová, Clemens Kalischer, André Kertész, Hannes Kilian, Nikolaus Korab, Fred G. Korth, Mary Ellen Mark, Joel Meyerowitz, Walfred Robert Moisio, Jeff Nixon, Roland Pleterski, Eliot Porter, Vilém Reichmann, Arthur Rothstein, Roger Schall, Liddy Scheffknecht, Fritz Simak, Aaron Siskind, Edward Steichen, Louis Stettner, Studio Souissi, Josef Sudek, Todd Webb, Sabine Weiss, James Welling, Robert Werling, Brett Weston, Edward Weston, Minor White und Robert Zahornicky
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog
Fotografieren ist Zeichnen mit Licht
Einführung von Michelle Magdalena Maddox
Fotografie selbst ist der Prozess des Dokumentierens mit Licht. Und Licht ohne jeglichen Schatten bleibt eine undefinierte Geschichte. Eine Reise ohne Zeit, ein Prozess ohne Anfang und Ende. Schatten formen den Charakter, schreiben die Erzählung und prägen die Szenerie. Licht im Zusammenspiel mit Schatten, und Schatten im Spiel mit Licht, sind wesentliche Grundlagen und kreative Verbündete bei der magischen Entstehung des fotografischen Prozesses. Inspiriert von Licht und Schatten laden die für das Forum für Fotografie Köln kuratierten Werke aus der Sammlung SpallArt die Betrachterin, den Betrachter dazu ein, sich Fragen zu stellen: Welche Geschichte wird erzählt? Und wie würde sie sich unter anderen Lichtverhältnissen entfalten?
Jede Fotografin, jeder Fotograf wird bestätigen, dass Licht der Held und Hauptakteur eines Bildes ist. Ein Ort oder ein Motiv verliert unter anderer Ausleuchtung seine Identität, die sich in genau jenem Moment manifestiert, in dem der Auslöser gedrückt wird und das Bild im alchemistischen Prozess verewigt. In vergangenen Zeiten war Fotografie eine wissenschaftliche Meisterleistung und zugleich von Magie durchdrungen. Der Prozess, so organisch wie Leben und Tod, entstand über einen Zeitraum von 30 Jahren, beginnend im Jahr 1802 in England, als der Chemiker Thomas Wedgwood die ersten evidenzbasierten Reaktionen entdeckte. Ihm gelang es, Licht und Schatten auf Papier zu dokumentieren, indem er die ersten Abbilder der Realität mithilfe von Silbernitrat auf Papier und Leder bannte. Seine Ergebnisse waren sehr licht- und sauerstoffempfindlich, und mussten in den folgenden Jahren von anderen Chemikern weiterentwickelt werden, bis Henry Fox Talbot den Prozess, der später Fotografie genannt werden sollte, vollendete. Erstmals war es möglich, die Welt in ihrer puren, unverfälschten Wahrheit festzuhalten. Im Verlauf weiterer 200 Jahre entwickelte sich die Fotografie vom reinen Mittel zur historischen Dokumentation von Menschen und Orten zu einer anerkannten Kunstform.
Die Ausstellung In the Lights of Shadows ist eine Hommage an die bedeutendsten Künstlerinnen und Künstler, die die Fotografie von einem dokumentarischen Medium zu einer Form kreativen Ausdrucks entwickelt haben. Sie zeigt die Schönheit menschlicher Erfahrung, eingefangen noch vor dem Anbruch des digitalen Zeitalters. In einer Zeit, in der das Leben noch einzig im chemischen Dialog von Licht und Schatten stattfand. Eine Zeitkapsel unserer Identität, ein Hinweis auf eine Zeit, in der unsere Köpfe noch nicht vereinnahmt waren, vom blauen Licht der Bildschirme und der immer dichter werdenden Informationsflut.
Die Fotografien, die in traditionellem Verfahren in der Dunkelkammer hergestellt wurden, strahlen die Lebendigkeit handwerklicher Kunstfertigkeit aus, die im Detail vielleicht nur von Expertinnen und Experten erkannt wird, aber zweifellos für alle durch das Momentum der festgehaltenen Zeit mitschwingt. Ähnlich den Vorgängen bei einer Meditation, lösen die gezeigten Bilder chemische Prozesse in unserem Gehirn aus, und rufen Erinnerungen und Erfahrungen hervor, mit denen wir uns identifizieren. Sie enthüllen Codes, die Geschichten aus Licht und Schatten in unserer Psyche generieren: Hören Sie Schritte auf dem Kopfsteinpflaster? Spüren Sie den Wind durch die Prärie streichen? Die Magie der alten Zeiten mag verflogen sein, doch Inseln der Erinnerung an das Leben vor dem digitalen Zeitalter bestehen fort – in den chemischen Reaktionen auf die Werke der Sammlung. Und plötzlich zeigen sich Elemente der menschlichen Existenz im Wolkenspiel über der Sierra Nevada oder im Nachmittagssonnenlicht auf Schnee. In einem Paralleluniversum blicken die Gesichter der Vorfahren durch eine Steinmauer, und Schatten küssen das Porträt einer Frau. Salz und Sand erinnern den Körper an sein Fleisch, und die Haut einer Paprika lässt erotische Anfänge erahnen. Vielleicht führt Sie Ihre Reise durch die Sammlung an Orte, an denen das Leben neu erblüht, frisch und aufregend wie die erste Liebe. Kunst hat die Kraft, scheinbar banale Augenblicke zu sakralen Momenten zu erheben, unserer alltäglichen Existenz einen Tempel zu bauen und damit unsere Sinne zu erwecken. Die Magie der Fotografie selbst spiegelt sich in der Reaktion und der Erfahrung der Betrachterin, des Betrachters wider.
Edward Weston zählt zu jenen, die nach der piktorialistischen Ära zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine hohe Kunstfertigkeit in der Fotografie entwickelten. Im Gegensatz zu den verträumten und romantischen Motiven der piktorialistischen Bewegung im späten 19. Jahrhundert waren Westons Bilder von Naturlandschaften, etwa Steinstränden und Klippen, subjektiver. Der gewöhnliche Stein wurde zu einem esoterischen Zauberbuch, das Mystik heraufbeschwor und die Betrachtenden mit Botschaften aus der Natur verzauberte. Eine Erinnerung an das Sakrale im Alltag, das nicht von Reichtum oder industrieller Entwicklung abhängig ist. Womit wurde diese Botschaft aus Stein geformt? Schatten, Licht und Timing waren entscheidend für die stille Sprache eines jeden Bildes, mit dem Geschichte geschrieben und die Fotokunst geprägt wurde.
Über die Identität eines Motivs hinaus haben Licht und Schatten ihre eigene Stimme im Dialog der Bildgestaltung. Ein weiteres Thema dieser Auswahl aus der Sammlung SpallArt ist Kunst, die durch Licht selbst entsteht. Schatten eröffnen eine neue Dimension der Tiefe und des Verstehens von Ort und Zeit, tanzen für ihren kurzen Moment des Tages, um Illusionen zu erschaffen. Lichtspiele, Illusionen des Geistes, Magie und Geheimnisse können dem ungeübten Auge verborgen bleiben: Sitzt das Motiv im Schatten eines Stuhls oder ist es der Stuhl selbst? Blühen die Schatten des Löwenzahns auf oder verblühen sie zu Samen? Die Dimension der Zeit wird in Frage gestellt: Ein einziger Moment ist zugleich Ausdruck einer Veränderung im Lauf der Zeit, wie beispielsweise in Liddy Scheffknechts 7 minutes 13 seconds, die den Wandel von Licht und Schatten im Zeitverlauf zeigen.
Jeff Nixons Nachbildung von Ansel Adams’ berühmtem Moon and Half Dome im Yosemite-Park in Kalifornien macht diese Dimension noch deutlicher: Nixon konnte die Aufnahme erst 38 Jahre nach Adams realisieren, da die Mondphase zu jeder Tages- oder Jahreszeit einzigartig ist und völlig unterschiedliche Licht- und Schattenkompositionen im Bild erzeugen würde. Adams selbst bemerkte: „Ich habe den Half Dome unzählige Male fotografiert, aber es ist nie derselbe Half Dome, nie dasselbe Licht oder dieselbe Stimmung.“
Es ist eine Ehre, in dieser Ausstellung vertreten zu sein, zusammen mit Künstlern wie Steichen, Weston, Adams und Clergue. Fotografen, die meine Arbeit inspiriert und meine Wahrnehmung der Schönheit und Mystik im Unsichtbaren geprägt haben. Die Auseinandersetzung mit der Sammlung vertieft das Verständnis dafür, wie sehr Gedanken und Meditation die Kreativität erweitern und Großartiges in der Fotografie ermöglichen. Nicht nur der Moment des Lichts, sondern auch die Wirkung des Lichts auf den Erzählprozess, inspiriert die Abstraktion von Themen und zugleich die Abstraktion von Subjektivität.
Zeit vergeht, Leben verändern sich. Geschichte gerät in Vergessenheit und wiederholt sich. Schatten erscheinen, um uns an die Komplexität des Lebens und die Endlichkeit jedes Kapitels im Kreislauf des Lebens zu erinnern. Ich hoffe, dass wir immer Inspiration in den Geschichten finden, die uns Licht und Schatten der Fotografien erzählen. Mehr denn je ist mir bewusst, dass Fotografie nicht nur ein künstlerisches Werkzeug ist, sondern vielmehr die Lizenz, Verständnis zu schaffen, sowohl im Guten als auch im Schlechten.
Sabine Weiss
"L’Homme qui court, Paris", 1953
Das Licht der Erkenntnis.
Gedanken zu L’homme qui court, Paris
von Thomas Linden




























































