Ansicht vorne
Inv. Nr.S-2986
KünstlerImogen Cunninghamgeb. 1883 in Portland, USAgest. 1976 in San Francisco, USA
Titel

Kauernder Akt


(Originaltitel Sunbath)

Jahr1931/32 / 1984 (Rondal Partridge)
Technik

Gelatinesilberabzug

Bildgröße13,3 x 17 cm
Signatur

am Karton rückseitig Prägesignatur und geprägtes Studiosiegel, dort Etikett "The Imogen Cunningham Trust", bezeichnet und von Rondal Partridge signiert

Kommentar

Die frühesten Aktfotografien Imogen Cunninghams stammen aus dem Jahr 1910, noch unter dem Einfluss des Piktorialismus, der Fotografien eine malerische, impressionistische Aura verlieh. Diese frühen Arbeiten waren von Romantik und subtiler Emotionalität geprägt. Mit dem Aufkommen der Moderne wandte sich Cunningham einer neuen Bildsprache zu.
In der Aktaufnahme Kauernder Akt (Orginaltitel Sunbath 1932) entfaltet sich diese modernistische Vision. Der Körper des Modells ist in eine muschelartige Pose gefaltet. Arme und Beine sind unter dem Körper versteckt und die Komposition wird von einer Fläche ungeschminkter Haut domminiert. Der Akt ist weder romantisiert noch sexualisiert, sondern tritt als skulpturales, abstraktes Objekt in den Vordergrund. Licht und Schatten modellieren die Form, während die Reduktion auf Linien und Flächen die Augen der Betrachtenden auf die reine Ästhetik des Körpers lenkt. Cunningham selbst betonte, sie sei "interested in the form… not the person"1, womit sie den menschlichen Körper bewusst von individueller Identität löst und als formales Objekt untersucht.
Cunningham gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe f/64, deren Mitglieder wie Edward Weston und Ansel Adams für präzise, klare Fotografien und eine kompromisslose Klarheit der Bildsprache standen. In diesem Kontext zeigt der Kauernde Akt ihre Fähigkeit, die menschliche Figur nicht nur zu dokumentieren, sondern sie formal, als Zusammenspiel von Volumen, Linie und Licht, zu erforschen. 
Dieses Werk steht exemplarisch für Cunninghams modernistische Phase. Es abstrahiert das Alltägliche, verwandelt den nackten Körper in eine skulpturale Fläche und vereint ihre technische Fertigkeit mit einer sensiblen, fast poetischen Sicht auf den menschlichen Körper. Neben Aktstudien experimentierte Cunningham ihr Leben lang mit Porträts, botanischen Motiven und Industriearchitektur und prägte damit Generationen von Fotograf:innen durch ihre kompromisslose Suche nach Klarheit, Form und Schönheit.(Christoph Fuchs)

 

Wenn man sich die potentielle Sinnlichkeit der nackten Figur vor Augen hält, wird offensichtlich, wie objektiv und passioniert emotionslos Imogen Cunninghan und Edward Weston das Thema angehen. Mit welcher Raffiniertheit und Freude am Neuen sie sich der Abstraktion der Realität hingeben! Anita (auch Nude, Mexico, 1925) ist eines der Bilder, mit denen Weston der Durchbruch gelang. Diese vollständige Abstraktion von Licht und Schatten ist nur durch den Glauben an die Form möglich, eine Form, die die Gestalt definiert und deren Volumen wegen seiner Verkürzung und Gleichmäßigkeit der Lichtverteilung kaum wahr nehmbar ist. Weston war ekstatisch wegen seiner "birnenförmigen Nackten" und reflektierte: "Den meisten Bildern fehlt jede menschliche Regung auf den lebenden und pulsierenden Körper. Ich will damit nicht sagen, daß das eine bessere Form der Fotografie ist, als Realismus zu vermitteln ... doch man muß alle Bedürfnisse befriedigen und zur Zeit neige ich zur totalen Abstraktion,"2. Bei dem Versuch, Form sichtbar zu machen, wirft Man Ray einen ähnlich unpersönlichen Blick auf einen weiblichen Rücken in seiner seltsam verrückten Studie Dos Blanc (um 1926). Das grelle Licht auf die Gestalt verur sacht eine Vielzahl von Schatten und macht den Rücken zu einer flachen, weißen Fläche, die von einem schwarzen Haarbüschel gekrönt wird. "Fotografie ist nicht auf die Rolle des Kopisten fixiert", schrieb Man Ray. "Sie ist eine wunderbare Entdeckerin dessen, was unsere Netzhaut niemals wiedergibt. ... Ich habe versucht, die Dinge festzuhalten, die das Zwielicht oder zu viel Licht, die Flüchtigkeit des Objektes, oder die Langsamkeit unseres Sehapparates verbergen."3 Mit dem kauernden Akt (1932, Originaltitel Sunbath datiert 1931) erreicht Cunningham ähnliche visuelle Effekte wie Weston und Man Ray, aber das Bild ist weniger statisch und sehr viel sinnlicher. Aus der kauernden Stellung, leicht gedreht und eine Brust zeigend, scheint diese lebendige, elliptische Badende im Gegensatz zu Westons stumpfer, fruchtförmiger Figur und Man Rays rigider sanduhrartiger Schale aufspringen zu wollen.
(Richard Lorenz, Imogen Cunningham. Körper, München 1998, S. 29)

 

 

 

Anmerkung

1
Oral history interview with Imogen Cunningham, 9.7.1975, Archives of American Art, Smithsonian Institution, https://www.aaa.si.edu/collections/interviews/oral-history-interview-imogen-cunningham-12850 (aufgerufen 20.3.2026)

2
Nancy Newhall (Hg.), The daybooks of Edward Weston. Volume I. California, New York 1973, S. 136.

3
Man Ray, "Deceiving Appearances", Paris Soir, 23. März 1926, nachgedruckt in Janus (Hrsg.), Man Ray: The Photographic Image, New York 1980, S. 211, zit. nach Richard Lorenz, Imogen Cunningham. Körper, München 1998, S. 29.

 

S-2986, Kauernder Akt
Imogen Cunningham, Kauernder Akt, 1931/32
S-2986, Ansicht vorne
© Estate of Imogen Cunningham
S-2986, vgl. Edward Weston, Anita (Nude, Mexico), 1925
Imogen Cunningham, Kauernder Akt, 1931/32
S-2986, vgl. Edward Weston, Anita (Nude, Mexico), 1925
S-2986, vgl. Man Ray, Dos Blanc, um 1926
Imogen Cunningham, Kauernder Akt, 1931/32
S-2986, vgl. Man Ray, Dos Blanc, um 1926