"dineiro cubano"
pigmentbasierter Tintenstrahldruck
Das Werk ¡viva fidel! – a journey into absurdity (1997) untersucht die Ästhetik des möglichen Wandels im Zeitalter der elektronischen Bildgestaltung.
Die traditionelle Fotografie und ihre Transformation durch digitale Technologien ist ein Ansatz, mit dem wir die Wahrnehmungsweisen dokumentarischer Bilder hinterfragen und deren vermeintliche "Authentizität" untersuchen können. Das Projekt basiert auf analogem Fotomaterial, das Michael Najjar während einer ausgedehnten Reise durch Kuba im Jahr 1996 aufgenommen hat. Später wurde das Fotomaterial digital bearbeitet. Die Veränderungen werden dem Betrachter jedoch erst bei genauerem Hinsehen bewusst.
Auf den ersten Blick wirken die Fotos inhaltlich und optisch recht unkompliziert. Erst bei längerer Betrachtung offenbaren sich Elemente, die in klarem Widerspruch zum Wissen und zu den gängigen Vorstellungen des Betrachters stehen. Die Arbeit regt zu grundlegenden Überlegungen zur Dokumentarfotografie an: Die Vorstellung, ein Foto sei ein getreues Abbild der Realität, besteht tatsächlich seit den Anfängen der Fotografie. Mit dem Aufkommen der neuen digitalen Bildverfahren wird die historische indexikalische Beziehung zwischen dem Objekt und seinem fotografischen Bezug in Frage gestellt.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Interpretation eines Bildes in unseren Köpfen stattfindet. Die Bedeutung dessen, was wir sehen, ist niemals das, was wir sehen, sondern das, was es für uns bedeutet. Bilder dienen nicht dazu, die Realität zu veranschaulichen, sondern sie zu interpretieren. Deshalb geht es nicht um die Frage, ob es legitim ist, Dokumentarfotos zu manipulieren – sondern wie.
Die Serie umfasst 12 Bilder und hat den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Status quo Kubas im Jahr 1996 zum Thema. Kuba ist das letzte noch existierende sozialistische Tropenparadies, anachronistisch, absurd, dadaistisch und surrealistisch. Die einzige Logik des Systems besteht darin, dass es überhaupt keine Logik gibt. Es ist ein Land, das sich jedem rationalen Verständnis entzieht.
Wie der kubanische Maler Vicente Bonachea einmal sagte: "Das Einzige, was Kubaner ernst nehmen, ist das Absurde."
(Michael Najjar, übersetzt mit DeepL)
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre geriet Kuba in die sogenannte Período especial (Sonderperiode in Friedenszeiten). Der Ausfall sowjetischer Subventionen und Erdöllieferungen führte zum wirtschaftlichen Kollaps. Um ein Überleben des Regimes und der Bevölkerung zu ermöglichen, traf die kubanische Regierung Mitte der 1990er-Jahre einschneidende Maßnahmen. Unter anderem legalisierte sie den US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel – dessen Besitz zuvor streng verboten war.
Damit schuf das Regime unter Fidel Castro eine Zwei-Währungs-Realität mit CUP (Peso Cubano) und CUC (Peso Convertible). Der Peso als nationale Währung, in der der Staat Gehälter zahlte und über die Grundnahrungsmittel auf Zuteilungskarte (Libreta) bezogen wurden, verlor extrem an Wert. Zeitweise lag der Wechselkurs bei über 100 CUP für 1 US-Dollar. 1994 wurde zusätzlich der Peso Convertible (CUC) eingeführt, der 1:1 an den US-Dollar gekoppelt war. In der Praxis funktionierte die Wirtschaft sprichwörtlich als Zwei-Klassen-Gesellschaft: Wer Zugang zu US-Dollars hatte – durch Tourismus, Trinkgelder oder Überweisungen von Verwandten aus dem Ausland (z.B. Miami) – konnte in speziellen Dollar-Geschäften (Tiendas de Recaudación de Divisas) Importwaren, Luxusgüter und Kleidung kaufen. Wer nur staatliche Pesos verdiente, lebte nahe am Existenzminimum.
Auf dem Foto ist zu sehen, wie eine Person US-Dollar-Scheine zählt. In den Fingern der hält sie eine brennende Zigarette. Erst bei genauerem Hinsehen wird die Manipulation sichtbar: Das Papier der Zigarette wurde digital durch einen aufgerollten 10-Peso-Schein der Banco Nacional de Cuba ersetzt, der am vorderen Ende wie eine Zigarette glimmt. Michael Najjar spielt damit auf die Wertlosigkeit der heimischen Währung an. Die Arbeit illustriert die Absurdität eines sozialistischen Staates, in dem die eigene Landeswährung wertlos wird und das Währungssystem des erklärten politischen Erzfeindes USA das wirtschaftliche Überleben sichert.
(Christoph Fuchs)

