"Nr. 6"
Direktbelichtung mit Sonne und Salzwasser auf Fotopapier (Gelatinesilber)
Mit der Serie Sole zeigt die aus Bulgarien stammende Künstlerin Marta Djourina ihr Verständnis des fotografischen Prozesses, indem sie das Medium auf sein elementarstes Prinzip zurückführt: die direkte Einwirkung von Licht auf lichtempfindliches Material.
Entstanden an der Küste des Schwarzen Meeres, beruhen die Unikate auf der unmittelbaren Belichtung von analogem Fotopapier durch Sonnenlicht (Latein: sol) in Verbindung mit Meerwasser (als Salzwasser – Sole). Die Künstlerin agiert hierbei nicht als Gestalterin, sondern als Initiatorin eines alchemistischen Prozesses. Die Wasseroberfläche und die im Salzwasser enthaltenen Mineralien und organischen Partikel brechen und streuen das einfallende Licht direkt auf der Emulsion. Wenn das Meerwasser auf dem Papier trocknet und auskristallisiert, entstehen organische Verläufe, Lichtspuren und filigrane Strukturen. Das so entstandene Bild ist ein Unikat und kann kein zweites Mal gleich erstellt werden. Jedes Experiment wird einen anderen Ausgang finden.
Diese Praxis spiegelt das fundamentale Anliegen ihres künstlerischen Schaffens wider: "In meiner Arbeit mit analogem Farb- und Schwarz-Weiß-Fotopapier erkunde ich das Wesen des Lichts anhand fotografischer Experimente. Ich untersuche die Ursache und Wirkung verschiedener Lichtphänomene auf fotosentivem Papier. Licht wird zum Thema, zum Werkzeug und zum Untersuchungsgegenstand. […] So erhält das Verborgene einen fotografischen Blick, das Vergängliche wird fixiert, wodurch das Potenzial des Mediums Licht sichtbar gemacht wird."
In Sole wird die Interaktion von Sonnenlicht, Salz und Wasser sichtbar. Die Arbeiten zeichnen keine bloße Abbildung der Landschaft, sondern machen die physikalischen und chemischen Kräfte des Ortes als malerische und performative Geste erfahrbar – ein physisches Protokoll flüchtiger Naturkräfte, fixiert im Moment ihres Entstehens.
(Christoph Fuchs)

