"Detail d'une porte du transep meridional"
Notre Dame, Paris
Salzpapier auf Originalkarton
typografischer Titel, Verlag A. Morel Paris und Drucker Lemercier
Die Aufnahme "Détail d’une porte du transept méridional" (Detail der Tür im südlichen Querschiff) aus dem Jahr 1854 ist ein eindrucksvolles Zeugnis der frühen Architekturfotografie. Sie zeigt das sogenannte Portail Saint-Étienne am südlichen Querhaus der Kathedrale Notre-Dame in Paris.
Die Entstehung der Aufnahme fällt in eine Epoche des monumentalen Umbruchs: Ab 1844 stand Notre-Dame unter der Leitung der Architekten Eugène Viollet-le-Duc und Jean-Baptiste Lassus im Zentrum einer umfassenden Restaurierung. Die Bisson Frères erfassten mit ihren Aufnahmen nicht nur den Zustand des gotischen Meisterwerks, sondern schufen zugleich ein unschätzbares Bildarchiv für die Wissenschaft, die Bauhütte und den Denkmalschutz. Die Aufnahme bringt die plastische Tiefe des Bogenfelds über dem Tor (Tympanon), die filigranen Gewändefiguren und die ornamental gearbeiteten Archivolten mit makelloser Schärfe und plastischer Lichtführung zur Geltung.
Die Brüder Louis-Auguste Bisson (1814–1876) und Auguste-Rosalie Bisson (1826–1900) gründeten 1841 ihr erstes gemeinsames Fotostudio in Paris. Sie stiegen rasch zu den offiziellen und angesehensten Fotografen des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III. auf. Ihr Werk zeichnete sich durch einen unverwechselbaren monumentalen Anspruch aus. Während viele Zeitgenossen kleinere Formate bevorzugten, arbeiteten die Bisson Frères mit extrem großen Glasnegativplatten, was höchste technische Präzision und handwerkliches Geschick erforderte. Internationalen Ruhm erlangte das Atelier neben den Pariser Architekturstudien auch durch die Pionierleistung von Auguste-Rosalie Bisson, der 1861 im Rahmen einer wissenschaftlichen Expedition erstmals die Gipfelregionen des Mont Blanc fotografisch dokumentierte.
Die Bisson Frères nutzten das 1851 von Frederick Scott Archer erfundene und patentfreie Kollodium-Nassplatten-Verfahren für ihre Negative. Dabei wurde eine Glasplatte mit flüssigem Kollodium überzogen, das mit Halogenidsalzen versetzt war. Im Dunkeln musste die Platte unmittelbar vor der Aufnahme in ein Silbernitratbad getaucht werden, wodurch sich lichtempfindliches Silberiodid bildete. Die Belichtung in der Großformatkamera und die unmittelbare Entwicklung mussten erfolgen, solange die Schicht noch feucht war. Im Gegensatz zu älteren Papiernegativen bot die glatte Glasoberfläche eine bis dahin unerreichte optische Schärfe und Detailtreue.
Zurück im Studio wurde ein Positivabzug auf Salzpapier gefertigt. Dafür wurde ein qualitativ hochwertiges Papier zunächst mit einer Kochsalzlösung getränkt und nach dem Trocknen mit Silbernitrat bestrichen. Dadurch bildete sich lichtempfindliches Silberchlorid direkt in den Papierfasern. Das Glasnegativ wurde im Kontaktdruck unter Sonnenlicht direkt auf das Salzpapier belichtet. Anschließend erfolgte eine Veredelung im Goldtonbad, die dem Abzug seinen charakteristischen warmen, samtigen Sepiaton verlieh und das Bild dauerhaft vor dem Verblassen schützte.
Diese Aufnahme verbindet exemplarisch den wissenschaftlich-dokumentarischen Anspruch der Denkmalkunde mit der künstlerischen Ästhetik des Licht- und Schattenspiels im gotischen Steinrelief. Originalabzüge dieser Aufnahme befinden sich heute in den bedeutendsten internationalen Sammlungen der Fotogeschichte, darunter das Musée d'Orsay in Paris, das Metropolitan Museum of Art in New York sowie das Victoria and Albert Museum in London.
(Christoph Fuchs)

