"Dora Maar"
Mougins (FR)
Gelatinesilberabzug
rückseitiger Dora-Maar-Nachlass Auktionsstempel
Das schlichte Porträt zeigt die Künstlerin und Fotografin Dora Maar (1907–1997) und ist Zeugnis der Beziehung zwischen ihr und der Fotografinnen Lee Miller, die von Vertrautheit, gegenseitiger Bewunderung und intensiven gemeinsamen Phasen geprägt war.
Lee Miller lebte ab 1929 in Paris und war Schülerin, Modell und Partnerin von Man Ray. Dora Maar (damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Henriette Theodora Markovitch) bewegte sich ab 1931 ebenfalls in diesem Zirkel um Man Ray, André Breton, Georges Bataille und Paul Éluard. Über diese gemeinsamen fotografischen und surrealistischen Netzwerke kreuzten sich ihre Wege für eine kurze Zeit in den Pariser Ateliers und Cafés. Miller trennte sich von Man Ray und ging 1932 zurück nach New York in ihr Heimatland. Nach einer kurzen Ehe mit einem ägyptischen Geschäftsmann begegnete Miller bei einer Reise nach Paris 1937 auf einer Party dem surrealistischen Künstler Roland Penrose, der später auch ihr zweiter Ehemann werden sollte.
Bereits im Sommer 1936 als auch im Spätsommer 1937 verwandelte sich das bescheidene Hôtel Vaste Horizon im südfranzösischen Mougins in das Zentrum der internationalen surrealistischen Avantgarde. Pablo Picasso und seine damalige Freundin Dora Maar hatten sich bereits im Hotel eingerichtet. Lee Miller und Roland Penrose kamen gemeinsam mit Max Ernst, Leonora Carrington, Paul und Nusch Éluard, Man Ray und seiner neue Geliebte Ady Fidelin, Eileen Agar, Joseph Bard und E.L.T. Messens von einem Surrealisten-Treff im englischen Cornwall dazu.1 Picasso hatte sich in seinem Schlafzimmer ein Atelier eingerichtet und malte jeden Tag Porträts seiner Freundinnen und Freunde. In dieser libertären Sommer-Kommune verschwimmen die Grenzen zwischen Leben, Liebe und künstlerischem Experiment.2
Mitten in dieser kreativen Hochphase begegnen sich Lee Miller und Dora Maar wieder. Zwei der radikalsten Fotografinnen der Moderne. Miller, die sich nach Erfolgen als US-Modeikone und Dunkelkammer-Pionierin in Paris aus einer einengenden Ehe befreit hatte, trifft auf Maar, die bereits als gefeierte Fotokünstlerin sozialkritische Reportagen und surreale Fotomontagen schuf. Beide Frauen teilten das Schicksal, von der patriarchalen Kunstgeschichte lange Zeit nur als Musen ihrer Partner wahrgenommen zu werden. Doch in Mougins agierten sie, gemeinsam mit Nusch Éluard, Eileen Agar und Ady Fidelin, als vollkommen eigenständige, schöpferische Subjekte.
Das Porträt, das Lee Miller von Dora Maar aufnimmt, ist ein Zeugnis dieser weiblichen Allianz. Der Kontrast zu Picassos zeitgleichen Darstellungen Maars könnte kaum dramatischer sein: Während Picasso sie im selben Jahr vorwiegend als hysterische, gebrochene weinende Frau (La femme qui pleure) verewigte, begegnet Miller ihrer Freundin mit tiefer Empathie und Respekt. Durch den Female Gaze – den emanzipierten, weiblichen Blick – fängt die Kamera Maar in einem Moment von intellektueller Schärfe, eleganter Ruhe und unerschütterlicher Souveränität ein.
In einer Gemeinschaft, in der sich Frauen wie Miller, Maar, Agar und Éluard gegenseitig porträtierten und inspirierten, untergruben sie die traditionelle Rollenverteilung der Kunstwelt. Lee Miller beanspruchte ihre Kamera als Instrument eigener Handlungsmacht. Das Porträt von Dora Maar ist daher weit mehr als ein beiläufiges Urlaubsfoto: Es ist das Dokument einer tiefen künstlerischen Komplizenschaft und ein kraftvolles Manifest weiblicher Selbstermächtigung am Vorabend katastrophaler Umbrüche in Europa.
(Christoph Fuchs)
Anmerkungen
1
Antony Penrose, “Roland Penrose and the Impulse of Provence” in: Claire Davison, Béatrice Laurent, Caroline Patey und Nathalie Vanfasse (Hg.), Provence and the British Imagination, Mailand 2013, S. 209
2
Cecile Paul, “Summering with the Surrealists: Sea, Sex and Sun”, Messy Nessy’s Cabinet 2022, www.messynessychic.com (aufgerufen 5.8.2026)


