"Printogramm, Nr. 7"
Gelatinesilber-Fotogramm
rückseitig signiert, betitelt und datiert (Tinte)
Seit 1999 arbeitet die deutsche Künstlerin Antje Lindner mit einer Kaltbelichtungstechnik an ihren Printogrammen. Bei dieser Technik wird herkömmliches schwarz-weiß Fotopapier kalt belichtet, abgeleitet von der Technik des Fotogramms. Durch bestimmte chemische Prozesse macht es ihre Technik möglich, dass Abdrücke und Spuren von z.B. der Berührung mit den Händen auf dem Fotopapier sichtbar werden – jedoch erst nach dem Entwicklungsprozess.
Die Künstlerin arbeitet ohne den prüfenden Blick ihrer Augen. Die Printogramme entstehen an der Nahtstelle des Unbewussten (nach Sigmund Freud) und des Zufalls (nach Harald Lesch). Im abgedunkelten Raum kann das Auge der Künstlerin das Geschehen nicht steuern, das „Bewusste“ kann das Ergebnis des Bildes nicht bestimmen und gleichzeitig wird die Zeit eingefroren. Dies wirft Fragen nach der Bestimmbarkeit des Augenblicks auf – nach der Macht, die wir über das Sein haben. Berührt man hier ein kollektives Unbewusstes? Ein kollektives gemeinsames Wissen? Im fast kontemplativen Arbeitsprozess kann das Ich sich der allgemeinen Dimension öffnen ohne sich abgrenzen zu müssen. Die Formen die im reduzierten Schwarz-Weiß entstehen implizieren größere, weiter gefasste Zusammenhänge, verwischen Grenzen von Mensch und Natur. Die Linien und Formen, die die menschliche Zellstruktur auf dem Fotopapier hinterlässt, verwandeln sich in abstrakte neue Sinn-Zusammenhänge – woher kommen diese Formen?
Entspringen sie unendlichen Zufallsvarianten des „Alles ist möglich“? Das würde den Philosophen Adorno und seiner Aussage „Wo alles möglich ist, ist nichts mehr möglich“ kolportieren, denn von den einzelnen so entstandenen Unikaten geht ein ästhetisch, künstlerischer Reiz aus.
Es stellen sich Fragen wie, ob es wohl unendlich viele Varianten gibt, und was in diesem Zusammenhang Unendlichkeit bedeutet oder ob sich die Formen nach einer bestimmten Zeit wiederholen, ob es tatsächlich dieselben sind oder in welchem Grad Abweichungen zu sehen sind. Dieser Gedanke lässt eine Parallele zu evolutionären Theorien zu, denn sind es nicht unendliche Varianten des Menschen, die sich in jedem neuen Kind verwirklichen?
Sind die fotografischen Ergebnisse das verdinglichte Berühren einer allem zugrunde liegenden Wahrheit, deren Interpretation rein im Auge der Betrachtenden liegt? Einer wertungsfreien Urlandschaft von deren Existenz jedes Printogramm Zeugnis ablegt, in der der Mensch neben oder im Gesamten eine Nebenrolle spielt?
Was war vor uns und was wird nach uns bleiben, verweilt als beständiges Geheimnis im Spiegel der Momentaufnahme in jedem Printogramm.
(Antje Lindner)





