"Pressana: ex Villa Querini-Stampalia, ora Baldisserotto"
Gelatinesilberabzug
rückseitig Titel und Fotografenstempel
Aufnahme aus einem Konvolut touristischer Fotografien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, herausgegeben von italienischen Tourismusverbänden. Für die Bewerbung des Reiselandes wurden häufig hochwertige Arbeiten namhafter Ateliers genutzt, wie etwa der Brüder Alinari. Mit dem westdeutschen Wirtschaftswunder der 1950er Jahre wandelten sich diese Sehnsuchtsbilder zur Realität: Steigender Wohlstand und mehr Freizeit machten den Urlaub zum Statussymbol. Italien, insbesondere die Riviera und die Adria, wurde zum Sehnsuchtsort Nummer eins. Mitte der 1950er Jahre reisten bereits 4,5 Millionen Deutsche über die Alpen – der Beginn des modernen Massentourismus.1
Die Aufnahme zeigt die historische Villa Querini Stampalia in Pressana, auch "Il Castello" genannt. Die Villa ist eine der ersten venezianischen Villen auf dem Festland und blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zwischen römischen Funden, einem mittelalterlichen Benediktinerkloster und der Umgestaltung zur Adelsresidenz durch die Familie Querini Stampalia Ende des 15. Jahrhunderts zurück. Der von Giovanni Maria Falconetto entworfene Komplex besticht durch ghibellinische Zinnen2, eine monumentale Dachkonstruktion und eine mit Fresken geschmückte Kapelle, und kann heute noch im Privatbesitz der Familie Baldisserotto besichtigt werden.
Das Bild fängt den Moment ein, in dem die Villa Querini Stampalia nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig ihre repräsentative Funktion verlor. Es zeigt den typischen Zustand vieler Villen im Veneto in den 1950er Jahren, bevor 1958 das Istituto Regionale per le Ville Venete (IRVV) gegründet wurde, um den Verfall solcher Kulturdenkmäler gesetzlich und finanziell zu bremsen. Der unbefestigte, von tiefen Fahrrinnen durchzogene Weg zeugt von der reinen Nutzung als landwirtschaftlicher Betrieb in jener Dekade.
(Christoph Fuchs)3
Die Aufnahme stammt von Francesco Parolin, ein leidenschaftlicher italienischer Amateurfotograf, Musiker und Sammler aus Verona, der hauptberuflich als Angestellter bei der Versicherung Cattolica Assicurazioni tätig war. Neben seiner Arbeit spielte er leidenschaftlich Klavier, Violoncello sowie Okarina und baute in seinem Wohnhaus in der Via Alberto Mario eine eigene Dunkelkammer auf. Durch seine fotografische Zusammenarbeit mit dem Touring Club und der Ente Lirico Arena stand er in engem Kontakt mit der Kulturszene und porträtierte Persönlichkeiten wie den Maler Angelo Dall'Oca Bianca, den Komponisten Bruno Maderna und den Tenor Nino Martini. Sein bedeutendes, über 1.000 Bilder umfassendes historisches Fotoarchiv – das von seinem Sohn Giuseppe bewahrt wurde – dokumentiert lückenlos die Entwicklung und die tiefgreifenden städtebaulichen Veränderungen Veronas und der umliegenden Provinz zwischen 1915 und 1960, einschließlich der dramatischen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.
(Marco Capelloni)4
Anmerkung
1
"Geteiltes Deutschland: Modernisierung. Bundesrepublik im Wandel. Tourismus", Lebendiges Museum online, Deutsches Historisches Museum, https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-modernisierung/bundesrepublik-im-wandel/tourismus.html (aufgerufen 26.6.2026)
2
Ghibellinische Zinnen (auch Schwalbenschwanzzinnen) sind V-förmig eingeschnittene Mauerzinnen. Im mittelalterlichen Italien dienten sie der politischen Markierung und zeigten an, dass die Besitzer Anhänger des römisch-deutschen Kaisers (Ghibellinen) waren. Die gängige Alternative dazu waren die quadratischen Guelfenzinnen der papsttreuen Fraktion – siehe dazu Wikipedia
3
vgl. "Villa Querini Stampalia detta Castello di Pressana", www.magicoveneto.it (aufgerufen 25.6.2026)
4
Zusammenfassung des Artikels: Marco Capelloni, "Mille foto raccontano come siamo cambiati", L’Arena, 26.6.2016, www.larena.it (aufgerufen 25.6.2026)





















































![S-3111, Achille Villani & Figli, "Ravenna. [Sar]cofagi che [la] tradizione [at]tribuiva [a Galla Pla]cidia, mer[avi]glio[samen]te i[ll]uminati. La lune[tta mostra s]una gra[ticola e il] martir[e S. Lorenzo]", 1950er](/y/images/Hauptansichten/S_3111_full.jpg)

