ohne Titel
pigmentbasierter Tintenstrahldruck
rückseitig signiert (Bleistift) und Künstlerstempel
Nächte des Einblicks
In der fotografischen Serie "insomnia" begegnet uns der Künstler Thomas Palme als sein eigenes Gegenüber – (be)fragend, spielerisch, dennoch klar und gleichzeitig erschöpft. Die Aufnahmen entstehen in Nächten ohne Schlaf, in Zeiten des inneren Umbruchs, in einem Zustand zwischen körperlicher Rastlosigkeit und seelischer Entgrenzung. Was wir sehen, sind keine klassisch inszenierten Selbstporträts, sondern visuelle Protokolle eines Selbst im Moment seiner Auflösung.
Die Kamera dient nicht der Selbstdarstellung, sondern der Selbstbeobachtung. Sie wird zum Spiegel in einem Raum ohne Spiegelbild.
Dabei stellt sich weniger die Frage wer sich hier zeigt, als wie sich ein Ich unter der Bedingung radikaler Müdigkeit noch artikulieren kann. In dieser existenziellen Nacht der Bilder sind nicht Identitäten, sondern Zustände am Werk. Die wiederkehrende Maskierung – mal mit Mull, mal mit Farbe, mit Laken, Geweihen, Fischflossen oder Ästen – fungiert nicht als Verkleidung im klassischen Sinn, sondern als Ausdruck einer tiefen Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Sichtbarkeit und dem Bedürfnis nach Rückzug. Die Maske wird zum Instrument der Selbstbefragung: Sie verdeckt das Gesicht nicht nur, sie zwingt es in neue Formen, unterläuft die Idee eines authentischen Selbstporträts und öffnet stattdessen Räume der Entstellung, der Irritation und des Zweifels.
Palmes Fotografien reihen sich ein in eine lange Geschichte künstlerischer Selbstbildnisse, setzen sich zugleich aber von dieser ab. Das fotografische Selbstporträt – etwa bei Claude Cahun, Francesca Woodman oder Nan Goldin – war immer schon ein Ort der Suchbewegung, der Introspektion und des Widerstands.
Doch Palme verweigert sich selbst noch der poetischen Inszenierung: Seine Bilder sind karg, rau, fast dokumentarisch in ihrer Intimität. Sie entstehen nicht aus dem Wunsch, ein Bild von sich zu erzeugen, sondern aus dem Drang, die eigene Existenz sichtbar zu machen, während sie sich dem Zugriff entzieht.
"insomnia" ist keine Serie über Schlaflosigkeit – sie ist selbst ein schlafloses Bildgeflecht. Kein Narrativ, sondern eine Ansammlung von Zuständen: isoliert, übermüdet, maskiert, durchlässig. […]
(Julia Moebus-Puck, aus Thomas Palme, insomnia, 2026)

