"Aschauer Schlager"
Gelatinesilberabzug
Das Dorf im Bild mit Pfarrkirche Aschau, im Hintergrund erhebt sich die Kampenwand als dominierendes Alpenmotiv des Chiemgaus. Max Baur komponiert diese Landschaftsaufnahme wie sie für repräsentative Bildpublikationen der Nachkriegszeit charakteristisch ist. Sein Motiv folgt einem weit verbreiteten visuellen Vokabular touristischer und landeskundlicher Darstellungen: Der Chiemgau als idealisierte Kulturlandschaft, in der Naturraum und Siedlungsstruktur zu einer harmonischen Gesamtfigur in Heimat Ästhetik verschmelzen.
Die Kombination mit dem Text von Hugo Hartung erweitert die Bildkomposition um eine literarische Ebene. Hartung war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem als Erzähler und Feuilletonist wirkte und ein breiteres Publikum insbesondere durch seinen später verfilmten Roman Ich denke oft an Piroschka (1954) erreichte.
Die Verbindung von Baurs Landschaftsfotografie und Hartungs Text könnte ein typisches Beispiel eines hochwertigen Bildbandes oder einer Fremdenverkehrsmappe sein. Der Chiemgau wird dabei weniger dokumentiert als vielmehr in ein kulturell aufgeladenes Landschaftsideal transferiert.
(Christoph Fuchs)
Das Aschauer Tal ist ein Stück erlesener Kammermusik in der Schöpfungsharmonie. Anderswo mögen die Berge gewaltiger den Himmel stürmen – hier sind sie groß und charaktervoll, verwehren aber zu keiner Zeit der Sonne den Zugang zu den Wohnstätten auf den sanft ansteigenden Hängen. Sie sind der Rahmen um ein liebliches Bild, dessen Anmut nie gestellte Kulissenschönheit ist, sondern echt, herb, bäuerlich – so wie die Menschen sich hier noch ihre Natur bewahrt haben, ihre Tracht tragen und ihre vielen alten Lieder singen, weil es ihnen selbst Freude macht. Und den Gast noch mit unverstellter Herzlichkeit eben als Gast empfangen, was so viel mehr sagt als das Wort "Fremder". Denn mag auch einer fremd in den Chiemgau und das Priental kommen, bald wird er dem Zauber der beiden Dörfer – des um die weißie Barockkirche gescharten und des in den Schutz des Burgberges geschmiegten – der stillen Schönheit der wasserdurchrauschten Wälder, dem Glanze der frühlings- und sommerbunten oder auch der schneeglitzernden Wiesen und der duftenden Almen mit ihrem Herdengeläut so erliegen, daß er eine zweite Heimat gefunden zu haben meint. Er wird den friedsamen Rhythmus bäuerlichen Tagesablaufs ebenso miterleben wie die großen Himmelsgezeiten, den Sonnenaufgang über der Kampenwand, den hitzeflirrenden Mittagsstand über dem Tiroler Taleinschnitt und das abendliche Farbenspiel über den westlichen Bergen. Er wird aus diesem beglückenden Stück Kammermusik der Schöpfung bald die einzelnen Sätze heraushören: Adagio – der langsame Satz: das sind, chiemseewärts, die blühenden Moorwiesen mit der leisen Schwermut ihrer braunen Gewässer – maestoso: die dolomitene Einsamkeit der Kampenwandgipfel – Scherzo: der Frohsinn abendlicher Feste mit Tanz und Musik – und das Notturno, andante cantabile: die Nachtmusik der Grillen, der Mond über der mittelalterlichen Burg, die an Wucht und Größe nur in Südtirol ihresgleichen hat, und das vielfältige Rauschen des reinen Flusses und der Wasserfälle von den Bergen. Diese zauberische Musik – wir hören sie noch, wenn wir sehr ferne sind. Und eines Tages lockt sie und zieht uns zurück mit unwiderstehlich sanfter Gewalt.
(Hugo Hartung)

