Ansicht vorne
Inv. Nr.S-3020
KünstlerRalf Cohengeb. 1949 in Solingen, Deutschland
Titel

ohne Titel

aus der Serie "Altrhein"
Jahr1997
Technik

Negativbearbeitung, Gelatinesilberabzug auf Warmtonpapier (Kodak Ektalure)

Bildgröße40 x 55 cm
Auflage1/1
Signatur

vorderseitig signiert, datiert und nummeriert (Bleistift)

Kommentar

Als bildender Künstler arbeite ich mit den Mitteln der analogen Fotografie. Ich nehme etwas aus dem Leben auf, um dieses später als Fotoarbeit wiederzugeben. Oft geht aber zwischen Aufnahme und Wiedergabe Unsichtbares und Atmosphäre verloren. Mein Ziel ist es jedoch, gerade dies zu zeigen. Wenn das von mir Erlebte auf dem fertigen Fotoabzug nicht sichtbar wird, bearbeite ich die Bilder mit unterschiedlichsten analogen Techniken mit dem Ziel, das von mir Erlebte für die Betrachtenden sichtbar zu machen.
Sehr deutlich wird dies in der Serie „Altrhein“. Dabei war es mein Vorsatz, nicht Landschaften am Altrhein zu fotografieren, sondern die Metamorphose der vom Hochwasser immer wieder überschwemmten Bodenstücke auf Bilder zu übertragen. In der Serie habe ich die Vorgänge der Natur auf meine Arbeitsmethodik übertragen und so den erlebten Eindruck sichtbar gemacht. Es war das erste Werk, bei dem ich derart konsequent durch Eingriffe in den fotografischen Prozess die Bildaussage bestimmt habe.
Nach der Entwicklung der analogen SW-Negative fehlte mir Information. Die Bilder hatten sich vom Erlebten entkoppelt. Um meine erlebten Eindrücke wieder mit den Bildern zusammenwachsen zu lassen, entschloss ich mich, die 9x12-Negative nochmals auf den Entwicklungsspulen zu montieren und ins Wasser des Altrheins zu geben. Indem die Filme so dem Flusswasser ausgesetzt wurden, hatte die Natur die Möglichkeit, vom Filmmaterial Besitz zu ergreifen und es zu markieren. Nach einem bestimmten Zeitraum zog ich die Negative wieder heraus und sah auf ihnen verschiedene Ablagerungen, die über mehrere Tage im Sonnenlicht eintrockneten. Mit Hilfe der Natur waren „Fotogramme“ entstanden, die Ablagerungen auf den Negativen zeigen und sich auf den Positivabzügen als scheinbare Sonnenlichter und Kristalle wiederfinden.
(Ralf Cohen)

 

Zeitbilder
Ralf Cohen führt die Fotografie vom "l‘instant décisif" zum "nunc stans" 

[…] Der Karlsruher Fotokünstler Ralf Cohen jedenfalls hatte immer schon Bedenken gegenüber allzu selbstverständlichen Gewissheiten in Bezug auf Zeiten, Räume und Bilder. Und auch Cohen illustriert diese Zweifel gerne mit den alten Metaphern von Gewässern und Flüssen. Im Jahr 1994 etwa hat Cohen zahlreiche Aufnahmen des Altrheins bei Karlsruhe gemacht. Zeitablagerungen in Schwarzweiß, aufgenommen im Format 9 x 12 Zentimeter. Momentaufnahmen, so müsste man in Anbetracht seiner ersten, später vernichteten Altrhein-Fotos eigentlich sagen. Das Steigen und Fallen des Wassers hatte er auf ihnen festhalten wollen. Die Ablagerungen, die der Fluss mit sich brachte; die Loslösungen, die er weitertrug. Doch irgendetwas hatte den Künstler beim Anblick seiner ersten Abzüge nicht überzeugt. War das wirklich schon das, was er am Ufer des Flusses gesehen hatte: Schattenspiele im Schilf? Vermodernde Äste im Uferschlick? Spiegelbilder im seichten Wasser? Ralf Cohen war mit den ersten Ergebnissen unzufrieden. Und so zerstörte er die Abzüge und fuhr mit den Negativen erneut an den Fluss.
Am Ufer angekommen, legte er die auf einer Spule aufgewickelten Negative über einen langen Zeitraum hinweg ins Wasser. Eine neue Zeit schrieb sich so in die alten Bilder ein. Eine, die über Stunden anhielt. Als Cohen die Negative schließlich aus dem Fluss herausfischte, hatte sich die Zeitspur auf seinen Bildern verändert. Der "Pencil of Nature", wie William Henry Fox Talbot 1846 die Fotografie genannt hatte, war in diesen Stunden breiter geworden. Auf Cohens Bildern malte dieser Pinsel jetzt nicht mehr nur mit dem Licht der Sonne. Er malte mit fluviatilen Sedimenten. Mit all dem, was der Rhein mit sich führte.
Später hat Cohen die Negative ausbelichtet – zunächst im Format 100x153 auf Gelatinesilber-Barytpapier; dann im Format 40x55 Zentimeter auf Kodak Ektalure Warmtonpapier. Die erste Serie verschwand aufgerollt im Archiv, der zweiten gab er den Titel Altrhein.
Erst 2011 sollte sich Cohen an die großformatigen Barytpapier-Abzüge noch einmal erinnern. Erneut unterzog er da seine Althrein-Aufnahmen einem Transformationsprozess. Indem er nach und nach die Gelatine von den großen Abzügen löste, formte er die Bilder ein letztes Mal um. Diesmal vollzog sich die Wandlung mittels Eingriffen ins Original. Das Ergebnis waren Unikate, denen Ralf Cohen den Namen NEULAND gab. Es ist gerade diese NEULAND-Serie, die sich dem fotografischen Glauben grundlegend verweigert. Zeit, so sagt sie, ist nicht das, was im Motiv eines Bildes wie festgefroren erscheint. Zeit ist ein Prozess, der sich tief in die Fotografie selbst eingeschrieben hat. Denn Fotografien sind für Ralf Cohen eben keine "instants décisifs"; sie sind Schichtungen und Ablagerungen eines langwierigen Transformationsprozesses. Fotografieren heißt für Cohen Wandeln: Im Prozess von Belichtung, Entwicklung und Fixierung, von Nachbearbeitung und Experiment verändert sich die Welt radikal. Cohens Bilder zeigen nicht mehr die Wirklichkeit, wie sie dem Künstler in einem Moment in der Zeit erschienen ist. Sie zeigen die überzeitliche Erscheinung selbst: Die Betrachtung, die über alle Momente hinausreicht. Der Fluss, der sich in der Zeit bewegt hat, wird abstrahiert und aus eben dieser Zeit herausgelöst. Nicht das "Es-ist-so-gewesen" bestimmen diese Bilder; es ist das archetypische Sehen und Begreifen selbst.
Wasser und Elemente: Immer schon haben sie eine wichtige Rolle auf den Bildern von Ralf Cohen gespielt. Serien wie Wasserströmung von 2001 oder die 2008 entstandenen Arbeiten weisser Atlantik und schwarzer Pazifik künden von Cohens Faszination für jene Unendlichkeit, die sich in den räumlichen Weiten der Ozeane widerspiegelt. Gut zwanzig Jahre zuvor bereits hatte der japanische Fotokünstler Hiroshi Sugimoto eine Serie geschaffen, die erstmals jene Zeiterfahrung zum Ausdruck brachte, die weit über alle Augenblicke hinaus in die Unendlichkeit reichte. Sugimoto zeigte auf diesen Bildern nicht mehr als eine Horizontlinie, die Himmel und Meer in zwei Flächen teilte: Seascapes. Eine mythische Ur-Erfahrung. Ein Blick auf die Schöpfung des zweiten Tages: "Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser." (Gen. 1,6–8). Für Sugimoto waren seine Seascapes ein Ausbruch aus jener fotografischen Zeiterfahrung, in der sich Moment an Moment reiht und sich durch Gestern, Heute und Morgen schlängelt. Denn Vergangenheit und Zukunft existieren auf Sugimotos Bildern nicht mehr. Alles ist einzig Ewigkeit. Ein stehendes Jetzt, das unveränderlich über Raum und Zeit hinausreicht. Einen "l‘instant décisif" hat es in dieser Wirklichkeit nie gegeben. Denn das Morgen war Gestern, und alles was sein wird, ist schon gewesen. Cohens Wasser-Bilder reflektieren eine ähnliche Erfahrung. Eine, die ebenfalls tief in unserem kollektiven Bewusstsein schlummert – wie ein Nebenstrom zu Heraklits "Panta rhei".
"Der Augenblick, der vorbeifließt, erzeugt Zeit", schrieb der spätantike Philosoph Boethius in seinen Consolatio philosophiae. "Der Augenblick aber, der anhält, erzeugt Ewigkeit." "Nunc stans" – das "zeitlose Jetzt". Auf Cohens Fotografien ist es immer schon dagewesen.
(Ralf Hanselle, aus: Ralf Cohen, Synthese. Fotoarbeiten 1972 bis 2019, Ausst. Kat. Städtischen Galerie Fruchthalle Rastatt 2019, S.126, gesamter Text als PDF)

 

S-3020, ohne Titel
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
S-3020, Ansicht vorne
© Ralf Cohen / Bildrecht, Wien
S-3013–3028, Ralf Cohen, Serie "Altrhein", 1997
Ralf Cohen, Serie "Altrhein", 1997
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S-3013, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3014, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3015, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3016, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3017, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3018, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3019, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3021, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3022, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3023, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3024, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3025, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3026, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3027, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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S-3028, Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
Ralf Cohen, ohne Titel, 1997
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