"Fokalke"
Gelatinesilberabzug, Negativbearbeitung
rückseitig signiert und datiert
Miloš Koreček gehörte gemeinsam mit den Fotografen Vilém Reichmann und Václav Zykmund zur bekannten tschechischen Künstlergruppe "Ra" der 1940er Jahre1, die sich dem Surrealismus verschrieben hatten und ihre eigene Interpretation entwickelten. Durch Zufall entdeckte Koreček ein experimentelles fotografisches Verfahren, dessen Ergebnisse er 1947 "Fokalke" (Lichtabdruck) nannte. Systematisch entwickelte er in den Jahren 1944-48 und erneut nach 1971 bis zu seinem Tode die Technik weiter. "Im Sinne eines figurativen und abstrakten Surrealismus suchte er einerseits in den zufällig entstandenen Texturen der Negative gegenständliche Assoziationen zu entdecken, andererseits pure Strukturen, die der Ästhetik des Informel vorgreifen."2
Obgleich die Fokalken nur von Koreček gemacht wurden, stehen sie in der Geschichte des Surrealismus nicht allein. Raoul Ubac in Frankreich, Marcel Lefrancq in Belgien machten ihre "Brulages". David Hare in den USA seine "Chauffages". Alle erhitzen oder verbrannten zum Teil die Gelatine auf der Fotoplatte und vergrößerten das Ergebnis auf Fotopapier. Diese Experimente entstanden alle unabhängig voneinander im Laufe des Zweiten Weltkriegs. Bei Koreček wurden für das Fokalisieren meistens die weniger gelungenen Negativplatten, oft mit Abbildungen von Kunstwerken seiner Künstlerkollegen benutzt. Obwohl der Fokalk vom Zufall geprägt war, wurde er nicht alleine von ihm bestimmt. Der andere Anteil, der des Künstlers, formt ihn erst zum Fokalk, davor ist es nur eine fotografisch bearbeitete Platte. Der Bearbeitungsprozeß, die Auswahl, der Ausschnitt und die Interpretation machen aus dem ursprünglich nur belichteten Fotoplatte einen Fokalk. Korecek hat sich dagegen gewehrt, den Fokalk als Fotografie zu bezeichnen, doch heute kann man ihn als Vorläufer der konkreten Fotografie bezeichnen.3
(Christoph Fuchs)
Bemerkungen
1
vgl. hierzu ausführlich: D. Siegert (Hrsg.) u. a., Real SurReal, Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie,
Kunstmuseum Wolfsburg 2014, S.194, zu Miloš Koreček S.226.
2
Vladimir Birgus, Tschechische Avantgarde-Fotografie, Stutgart 1999, S.288.
3
Photo Edition Berlin, https://www.photoeditionberlin.com/programm/czech-fundamental/milos-korecek/ (aufgerufen 30.3.2026)
