"Au Griffon, 39 Quai de l'Horloge"
Gelatinesilberabzug
im Negativ nummeriert, rückseitig Copyrightstempel (Caisse Nationale des Monuments Historiques et des Sites...), mit Bleistift bezeichnet
Eugène Atgets Werk nimmt in der Geschichte der Fotografie eine besondere Rolle ein, die sich erst rückblickend durch die kunstgeschichtliche und museale Rezeption als wegweisend erwiesen hat. Zu Lebzeiten verstand sich Atget selbst keineswegs als avantgardistischer Künstler, sondern pragmatisch als Urheber von „Documents pour artistes“. Er verkaufte seine systematischen Aufnahmen des alten Paris als Anschauungsmaterial und Vorlagen für Künstler. Ab 1890 zog Atget fast täglich mit seiner sperrigen 18x24-Inch-Großformatkamera, einem schweren Holzstativ und etlichen Trocken-Glasplatten los, um Motive zu finden die er in Kategorien einteilte wie „Landschaften, Tiere, Blumen, Denkmäler, Dokumente, Vordergrundmotive für Maler, Reproduktionen von Gemälden“1, was bereits 1892 in der Zeitschrift Revue des Beaux-Arts aufgelistet war. Über 35 Jahre fertigte er so über 8.500 Aufnahmen in allen Teilen von Paris und teilweise auch rund um Paris an.
Das Stadtbild war kurz vor der Jahrhundert durch die als Haussmannisierung bekannte Modernisierungskampagne umgestaltet worden – ein zwangsläufig zerstörerischer Prozess unter der Leitung von (und benannt nach) Baron Georges-Eugène Haussmann, bei dem die mittelalterlichen Stadtviertel von Paris abgerissen und in breite Alleen und öffentliche Parks umgewandelt wurden. Der 1857 geborene Atget hat die radikalste Phase dieses Umbaus während seiner Kindheit und Jugend erlebt. Er dokumentierte bewusst das, was dem städtebaulichen Fortschritt zum Opfer zu fallen drohte und im Schatten der nun mehr modernen Metropole stand.
Während die Öffentlichkeit seine Arbeiten zu Lebzeiten weitgehend ignorierte, erwies sich Atgets dokumentarische Sichtweise als äußerst einflussreich auf die Welt der Kunst. Zunächst im engen Kreis der Pariser Avantgarde, insbesondere bei den Surrealisten in den 1920er-Jahren, die seine Bilder von verlassenen Straßen, Treppenhäusern und Schaufenstern als bezaubernd und äußerst suggestiv empfanden und anschließend auf Generationen von amerikanischen Fotografen von Walker Evans bis Lee Friedlander.
Der entscheidende Wandel in der Wahrnehmung seines Œuvres ist maßgeblich der amerikanischen Fotografin Berenice Abbott zu verdanken. Abbott, die als Assistentin von Man Ray 1925 in Paris tätig war, lernte Atget kurz vor dessen Tod kennen und erkannte die kulturgeschichtliche und künstlerische Tragweite seines Archivs. Nach Atgets Tod im Jahr 1927 kaufte sie rund 5.000 Originalabzüge und mehr als 1.000 Glasplattennegative und brachte sie in die USA. Sie publizierte 1929 den ersten Artikel und bereitete damit den Weg für die institutionelle Aufnahme seiner Arbeiten in bedeutende Sammlungen, wie etwa das Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Im Jahr 1931 schrieb Ansel Adams: "Die Abzüge von Atget sind direkte und emotional unverfälschte Zeugnisse einer seltenen und subtilen Wahrnehmung und stellen vielleicht den frühesten Ausdruck wahrer fotografischer Kunst dar."2
Die Geschichte hinter dieser Aufnahme von Eugène Atget aus dem Jahr 1902 ist bekannt. Das Optikergeschäft gehörte Eugène Clement Antoine Patoueille, der Name seines Großvaters steht im Schaufenster, das Banner über dem Fenster trägt den Namen eines recht bekannten Vorgängers. Die Familie Patoueille war seit langem als Hersteller von Barometern etabliert, daher ist es wahrscheinlich, dass der Besitzer im Jahr 1902 die auf dem Foto abgebildeten Barometer selbst hergestellt hat. Der Name des Geschäfts "Au Griffon" lässt sich mindestens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Zwei Generationen von Optikern mit dem Nachnamen Marie waren hier tätig. Der Vater, Marie père, soll 1736 Glasarbeiten für die Pariser Sternwarte geliefert haben. Von seinem Sohn ist bekannt, dass er ein Fernrohr mit der Signatur "Marie fils, quai de l’horloge du palais au griffon à Paris 1747" versehen hat.3 Zahlreiche weitere Objekte und Reklamen lassen sich zu diesem traditionsreichen Optik-Fachladen finden. Die Fassade ist bis heute erhalten geblieben, nur der Greif ist verschwunden (siehe dazu Google Streetview).
(Christoph Fuchs)
Anmerkungen
1
"Information et nouvelles" in: Le Revue des beaux-arts, Nr. 98, Feb. 1892, S. 30, zit. n. John Szarkowski, Maria Morris Hambourg, The Work of Atget vol. 1, The Museum of Modern Art, New York 1981, S. 14.
2
Ansel Adams, The Fortnightly 1, Nr. 5, 5. November 1931, S. 25.
3
Brian Stevenson, “Au Griffon - 39 quai de l'Horloge”, https://microscopist.net/AuGriffon.html (aufgerufen 13.10.2026)

