Inv. Nr.S-1974
KünstlerWalker Evansgeb. 1903 in St. Louis, Missouri, USAgest. 1975 in New Haven, Connecticut, USA
Titel

"Carol Kalker, Greenwich, Connecticut"

JahrJuni 1929
Technik

Gelatinesilberabzug auf Baryt

Bildgröße6,2 x 4,3 cm
Signatur

rückseitig Künstlerstempel

Kommentar

 „... the camera takes on the character and the personality of the handler. The mind works on the machine.“1 Walker Evans

Der Abzug zeigt das Portrait einer junge Frau im Profil, deren Oberkörper mit einer Decke umhüllt ist. Ihr Kopf neigt sich zur ihrer linken Schulter, der Blick ist leicht gesenkt und fällt zur Seite. Sie trägt kinnlanges krauses offenes Haar. Im Hintergrund sieht man schemenhaft ein mit Bäumen gesäumtes Gewässer sowie im Vordergrund Blätter eines Busches. Das ursprüngliche Motiv in diesem Abzug ist leicht beschnitten, so dass sich das Portrait nicht im Hintergrund verliert und der Fokus auf dem Gesichtsausdruck und der Struktur der Decke um Ihren Oberkörper liegt.
Carol Kalker bleibt für den Betrachter eine Unbekannte. Doch zeigt ein Blick in das Inventar des Metropolitan Museum of Art (MET), welches seit 1994 den Nachlass von Walker Evans verwaltet, dass er Carol Kalker mehrfach im Juni 1929 in Greenwich Village fotografierte. Die unterschiedlichen Aufnahmen, vermutlich innerhalb eines Tages aufgenommen, verweisen deutlich auf Evans späterer Arbeitsweise, bei der er oftmals mehrere Versionen eines Motives anfertigte und so seine komplexe Sichtweise auf die Welt, die Wahrnehmung seiner Umwelt auf mehreren Ebenen, durch unterschiedliche Komposition und Einstellungen erfasste.
Ein wichtiges Fundament für seine Entwicklung bildete sich während seiner Zeit in Europa. Wie viele junge Kunstinteressierte zog es ihn c. 1926 nach Paris, wo er 13 Monate seines Lebens verbrachte. Er studierte literarische Schriften von u.a. Baudelaire, Flaubert und Proust an der Sorbonne und schrieb auch zahlreiche eigene kurze Texte. Diese Lebensphase sollte für sein späteres künstlerisches Leben von großer Bedeutung bleiben. Die Auseinandersetzung mit der Literatur verschaffte Evans ein umfangreiches Wissen aus dessen Schatz er noch lange schöpfte und die seine Fotografien stark prägten.
Die Kamera war bereits zu dieser frühen Zeit sein ständiger Begleiter. Eine Eastman Kodak Kleinbildkamera trug er stets in seiner Westentasche bei sich. Seine Erkenntnis, dass ihm die Fotografie als Mittel des künstlerischen Ausdrucks besser entsprach, führte dazu, dass er 1928 Abstand vom Schreiben nahm und sich voll und ganz der Fotografie widmete. Er fand einen Weg lyrische Entsprechungen zwischen Worten und Bildern zu erkennen und seine Begabung für das Visuelle in der Fotografie zu nutzen.2
Die zahlreichen Fotografien, die er in frühen Jahren zwischen 1928-29 machte blieben lange unbekannt, dabei zeigen Sie unverkennbar seinen künstlerischen Ehrgeiz. Kurz nach seiner Rückkehr aus Paris im Mai 1927 begann Evans, inspiriert von der europäischen Sichtweise und Technik, ernsthaft zu fotografieren.3

Evans Vorgehensweise war mehr von seinem Temperament und seinen Gewohnheiten als von Reflektion und bewusster Entscheidung geleitet.4 So sind seine Fotografien vom Bekannten und Unbekannten, von Erfahrungen und Wissen bestimmt – im Grunde durch Evans unbewusste Gedankengänge. Keine Fotografie gleicht der anderen und jede einzelne spiegelt einen Aspekt Evans Interessensspektrums wieder. Gut zu beobachten ist dies in den weiteren Sequenzen des Portraits aus dem Inventar des MET, in denen Carol Kalker in unterschiedlichen Posen und Bekleidungen für Walker Evans Model stand. Ein noch erhaltendes Negativ (1994.251.911) zeigt sie in ähnlicher Komposition mit größerem Bildausschnitt im Profil von links. In einem weiteren (1994.251.913) sehen wir Carol Kalker im Profil mit einem leichten Seidenhemd gekleidet. Ihre rechte Schulter ist mit einem Tuch bedeckt und die Haare hinten zusammengesteckt. Die einzelnen Einstellungen zeigen die Facetten ihres Charakters, die Evans an diesem Sommertag wahrnahm und mit seiner Kamera einfing. Evans war zu dieser Zeit 26 Jahre alt und diese Fotosession vermutlich von beidseitigem Vergnügen bestimmt.

Man kann annehmen, dass das Erscheinungsbild dieser Aufnahme beeinflusst wurde durch das intensive Studium und die außerordentliche Begeisterung der Arbeiten von Eugène Atget (1857 – 1927), der in seinen einfachen Fotografien mit großer formaler Schönheit, auf jeglichen künstlerischen Effekt verzichtete.
1929 lernte Evans Lincoln Kirstein kennen, der ihn mit Berenice Abbott bekannt machte. Abbott besaß zu dieser Zeit den Nachlass Eugène Atgets, dessen Fotografien Walker Evans beindruckten und seine bevorstehende Karriere als Photograph stark beeinflussten.

Walker Evans sagte einmal über Atget: „Take Atget, whose work I now know very well (...). In his work you do

feel what some poeple will call poetry. I do call it that also, but a better word for it, to me, is, well – when Atget does even a tree root, he transcends that thing. (...).“5 Walker Evans schreibt sich selbst ebenfalls das Talent zu, die Objekte vor seiner Kamera instinktiv und unbewusst als Erhaben über dem eigentlichen Objekt zu sehen und darzustellen. „Unbewusst“ wäre hier zu unterstreichen, da Evans dies als eine Art „Gabe“ beschreibt, die erst in der Ausführung einer künstlerischen Tätigkeit, wie die eines Fotografen oder Schriftstellers, sichtbar wird. Aus diesem Zusammenhang heraus wird Evans großes Interesse an Literatur und Poetik sehr deutlich – Evans Bezeichnung „transzendent“ findet sich beispielsweise in den Prinzipien der Transzendentalphilosophie, in denen die Philosophie das Sein als „Gegenständlichkeit in einer Erfahrungswelt“ auffasst. Eine Arbeit von 1968, die Schmutz auf einem Gullydeckel zeigt (Debris on Manhole Cover, New York, 1968), bekommt, abstrahiert und entfernt von der Natur und dem eigentlich Ort, in einem Sinn menschliche Eigenschaften - transzendiert von dem, was es ist und in Kontext des eigenen Seins gestellt.

Die hier beschriebenen Einflüsse, die Evans Gesamtwerk ausmachen, sind in meinen Augen bereits in diesem frühen Portrait in Ansätzen sichtbar. Das Portrait von Carol Kalker findet sich sehr gut in der Beschreibung über Atgets Fotografien und dem Gefühl des „transzendenten“ wieder. Es strahlt eine unglaubliche Ruhe und Tiefe aus und zeigt ohne jegliche künstlerischen Effekte das Wesen dieser jungen Frau. Das kleine Format des Abzugs spiegelt die Intimität, die man sich zwischen Fotograf und Portraitierten während der Aufnahme vorstellt.6

„Bei der Fotografie geht es nicht darum, Aufnahmen zu machen. Es geht darum, einen Blick zu haben.“7

Es braucht Zeit und Ruhe, doch, lässt man sich darauf ein, geht der „Blick“, von dem Evans spricht, auf den Betrachter über und entfaltet sich in seiner Gesamtheit bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Bild.

Walker Evans, 1903 in St. Louis, Missouri geboren (*1975 New Haven, Conneticut), gehört heute zu den einflussreichsten Dokumentarfotografen des 20. Jahrhundert. Er ist vor allem durch seine Aufnahmen für die Farm Security Administration (FSA) in den Jahren 1935-37 sowie für das Fortune Magazine zusammen mit dem Schriftsteller James Agee (Let us Now Praise the Famous Men, 1941), bekannt.

 

1 „Interview with Walker Evans“ in: Art in Amerika, 59, März/April 1971, S. 85
2 Walker Evans. Tiefenschärfe. Prestel Verlag, 2015, S. 30
3 „Interview with Walker Evans“ in: Art in Amerika, 59, März/April 1971, S. 84
4 Walker Evans at Work, S. 10
5 „Interview with Walker Evans“ in: Art in Amerika, 59, März/April 1971, S. 85
6 Es handelt sich hier um einen Kontaktabzug eines 4,5 x 6 cm Negativs.
7 Walker Evans zitiert nach: „The Art of Seeing“, in: The New Yorker, 24. Dezember 1966, S. 27

S-1974, "Carol Kalker, Greenwich, Connecticut"
Walker Evans, "Carol Kalker, Greenwich, Connecticut", Juni 1929
S-1974, Ansicht vorne
© Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art
S-1974, Rückansicht
Walker Evans, "Carol Kalker, Greenwich, Connecticut", Juni 1929
S-1974, Rückansicht
S-1974, Vergleiche: Walker Evans,
Walker Evans, "Carol Kalker, Greenwich, Connecticut", Juni 1929
S-1974, Vergleiche: Walker Evans, "Carol Kalker Wrapped in Blanket, Greenwich, Connecticut", 1929, Gelatinesilberabzug, 6,5 x 4,9 cm (© Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art, 1994.261.43)