Ansicht vorne
Inv. Nr.S-1515
KünstlerErwin Bohatschgeb. 1951 in Mürzzuschlag, Österreich
Titel

ohne Titel


Foto: Josef Neuhauser

Jahr2013
Technik

Acryl, Öl auf Latex auf Verona Baumwollpapier 250g

Bildgröße112 x 205 cm
Signatur

rückseitig signiert und datiert

Kommentar

Erwin Bohatsch hat als Maler sehr schnell einen Weg eingeschlagen, der aus der Tradition der "Neuen Malerei" der 1980er Jahre heraus führte. Seine konzeptuell-analytische Vorgangsweise innerhalb der abstrakten Malerei ließ ihn zu einem der radikalsten Vertreter innerhalb dieses Mediums hierzulande werden. Waren es in seinen jüngsten Bildern vor allem Grenzbereiche der Malerei, die durch äußerste Reduktion der malerischen Mittel hervorgerufen wurden, so ist es jetzt die Fotografie, die in den künstlerischen Prozess eingebunden wird.
Angeregt durch die Fotos des Sammlers und Fotografen Josef Neuhauser, entstanden Experimente, die die Beziehung der beiden Medien untersuchen. Diese zielen dabei nicht auf die Motivsuche der Malerei innerhalb der technischen Bilder, wie sie im Zusammenhang mit einer medienreflexiven Malerei schon seit geraumer Zeit besteht. Vielmehr reagiert hier der Maler direkt auf das fotografische Bild.
Die großformatigen Schwarzweißfotos werden dabei zur Malfläche, auf die Bohatsch die Farbsubstanz (meist Schwarz) aufbringt. Der abstrakte Maler akzeptiert in dem Moment eine vorgegebene Bildstruktur, die von ihm nicht in Bezug auf narrative Lesbarkeit weiter bearbeitet wird, sondern es geht von formalen Überlegungen aus. Die beiden Medien werden dabei in ihrer jeweiligen Existenz weitestgehend ausgelöscht bzw. transformieren sich zu einer neuen Bildrealität. Genauso wie die nichtgrundierte Leinwand von Bohatsch oft als Farbakzent eingesetzt wird und damit einen wesentlichen Anteil an der Gestaltung hat, verwendet er hier das Foto mit seinen schwarzweißen Strukturen als gleichsam aktiven Malgrund. Die malerischen Anteile wirken, ähnlich wie in Bohatschs Gemälden, oft beiläufig und erwecken den Eindruck des Nebenproduktes. Ein Arbeitsprozess mit Schablonen scheint hier zugrunde zu liegen, der Spuren nicht mehr vorhandener Bilder hinterlassen hat. Die Farbsubstanz, die man durchaus mit den chemischen Flüssigkeiten der Fotografie auf dem lichtempfindlichen Fotopapier in Verbindung bringen kann, erzeugt einen weiteren integrativen Vorgang, der die beiden Medien zusammenführt.
Es ist der jeweilige kulturelle Kontext der beiden Medien, der den Betrachter sowohl Fotografie als auch Malerei erkennen lässt. Beide Medien werden in dieser Betrachtung zur eigenen Erinnerung.
Die Erkenntnis, dass hinter bzw. unter jedem Bild schon ein anders Bild davor existiert, hat die gegenständliche Malerei der letzten Jahrzehnte weitestgehend bestimmt. Angewandt auf die abstrakte Malerei muss man – zumindest dem Auge des Betrachters folgend – erkennen, dass es den grundsätzlichen Wunsch gibt, im Abstrakten Lesbares zu finden. In Bohatschs übermalten Fotografien bleiben die lesbaren Elemente soweit erkennbar, dass sie genau diesen Prozess unterstützen. Erst beim zweiten Blick werden in diesen Bildern Wolkenformationen, Landschaftszüge oder Architekturteile erkennbar. Sie sind Reste einer früheren Realität, die gleichsam ungültig gemacht wurde.
Zwei Medien, die jeweils Prominenz in Bezug auf das Bild im Allgemeinen beanspruchen, werden hier zu einer Symbiose vereint, die dem jeweils anderen neue Möglichkeiten eröffnet. Bohatschs Vorgehen auf der Malfläche – egal ob auf der Leinwand, oder wie hier, auf bereits bestehenden Bildern – folgt keiner emotionalen Gestik, sondern sie ist exaktes formales Kalkül. Dieses Vorgehen ist in jedem Fall konzeptuell, aber gleichzeitig in hohem Maße sinnlich erfassbar.
(Kunstraum Bernsteiner, Wien, 2013)

S-1515, ohne Titel
Erwin Bohatsch, ohne Titel, 2013
S-1515, Ansicht vorne
© Erwin Bohatsch