Bild des Monats

Bild des Monats Juni 2019

 

 

André Kertész
Melancholic Tulip

Nikolaus Kratzer

 

Mein Bild des Monats aus der Sammlung SpallArt ist ein Blumenstillleben von André Kertész, das auf eine zentrale Werkphase des ungarischen Künstlers verweist und sich bei genauerer Betrachtung als Porträt entpuppt.

 

André Kertész
"Melancholic Tulip", 1939/1960
Gelatinesilberabzug, 24,7 x 18 cm

 

 

Dargestellt ist eine Tulpe, die sich, über den Rand einer mit Wasser gefüllten Vase hinaus, dem Boden zuneigt. Das von rechts gesetzte Licht teilt den herabhängenden Tulpenkopf in ein beleuchtetes sowie ein schwarz gehaltenes Segment; der Schattenwurf der Vase verläuft parallel zur unteren Bildkante, Gefäß und Halm orientieren sich an den seitlichen Bildrändern. Auch die Hintergrundgestaltung wird durch das Spiel von Licht und Schatten geprägt, wobei in der Mitte des Bildes eine unscharfe Wölbung die Präzision der Komposition durchbricht. Mit Verzerrungseffekten dieser Art beschäftigte sich Kertész bereits 1917, als er einen tauchenden Mann (Unterwasserschwimmer) fotografierte. 1933 entstand eine berühmte Serie von abstrahierten Frauenakten, die vor gewölbten Spiegeln aufgenommen und später als Distortions veröffentlicht wurden.[1]

Neben dieser Referenz auf Kertészs Auseinandersetzung mit dem Thema Perspektive verweist Melancholic Tulip auch auf die Lebensgeschichte des Künstlers, der 1936 aus beruflichen Gründen von seiner Wahlheimat Frankreich nach New York aufbrach, in der neuen Umgebung jedoch lange Zeit kaum an seine Erfolge in Paris anknüpfen konnte. Themen wie Einsamkeit und Isolation (als Zuwanderer), Nachdenklichkeit und Sehnsucht (melancholische Gefühle gegenüber der Heimat) spiegeln sich im Blumenstillleben von 1939 wider. Bei der allegorischen Darstellung von Gefühlen griff Kartesz auch auf andere Sujets zurück: in der New Yorker Stadtlandschaft verlorene Wolken, zum Abflug ansetzende Tauben, ein vor regnerischem Hintergrund abgelichteter Wetterhahn. In diesem Sinne bezeichnet Michel Frizot das Werk des Künstlers als "nachdenkliche Fotografie": „Die Fotografie (von Kertész) 'spricht'; sie ist poetisch, sentimental, empfindsam und schließlich 'nachdenklich', das heißt, sie 'regt zum denken an.'"[2]

 

[1] Michel Frizot, Annie-Laure Wanaverbecq (Hg.), André Kertész, Ostfildern 2010, S. 157.

[2] Ebd., S. 19.

 

 

 

Nikolaus Kratzer ist ein in Wien beheimateter Kunsthistoriker und in den Landessammlungen Niederösterreich tätig. Er forscht an der Donau-Uni Krems im Zentrum für museale Sammlungswissenschaften. Seit einigen Jahren ist er auch immer wieder für die Sammlung SpallArt tätig. Er ist profunder Kenner der österreichischen Fotografie, insbesondere von Elfriede Mejchar und Heinz Cibulka. Zur Zeit arbeitet er an seiner Dissertation zum Thema Fotografie und Impressionismus. Die Auswahl des Bildes und der Text erschienen als Werkporträt im Eikon Ausgabe Nr. 100 im November 2017