Ausstellung

Luise Schröder. Erinnerung ist ein Gespenst

 

Die Gewinnerin des Spallart Prize Salzburg 2020 zeigt neue Arbeiten.

In ihren künstlerischen Arbeiten, Fotografien, Videos und Publikationen befasst sich Luise Schröder mit der Instrumentalisierung der Vergangenheit durch die Politik der Gegenwart. Sie untersucht die Fortschreibung historischer Mythen und deren Bedeutung für Identitäten und Gemeinschaften. Ihre Arbeit hinterfragt auch wie offizielles Gedenken von politischen, gesellschaftlichen und medialen Entwicklungen beeinflusst und konstruiert wird. Sie konzentriert sich sowohl auf nationale Formen der Erinnerung als auch globale Formen des Gedenkens, sowie auf deren rituellen Charakter und Ikonografien. Das fotografische Bild und seine Funktion als Form des kollektiven gesellschaftlichen Gedächtnisses spielen in ihrer Arbeit eine wesentliche Rolle.

Im Rahmen des SpallArt Prize 2020 zeigt die Künstlerin im Kabinett Fotografien ihrer aktuellen Arbeit Tenez bon, nous arrivons sowie die Intervention Erinnerung ist ein Gespenst in der Gartenanlage des Künstlerhauses. 

Mehr zur Ausstellung auf der Webseite des Salzburger Kunstvereins:
www.salzburger-kunstverein.at

 


Luise Schröder, Tenez bon, nous arrivons, 2020
© Luise Schröder / Bildrecht, Wien

 

 

Tenez bon, nous arrivons / Haltet durch, wir kommen 

Innerhalb ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sich die Künstlerin Luise Schröder mit Fragestellungen von Geschichts- und Erinnerungskonstruktionen und deren Bedeutung für die Gegenwart. So auch in ihrer neuesten Arbeit Tenez bon, nous arrivons / Haltet durch, wir kommen, die sie im Rahmen des SpallArt Prize 2020 im Kabinett des Salzburger Kunstvereins in ersten Auszügen präsentiert. In den 2019 entstandenen Fotografien beschäftigt sich die Künstlerin mit den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung der Stadt Paris am 25. August 1944.
Eine die französische Flagge hochhaltende Frau posiert auf einem Panzer für ein unsichtbares Publikum, Militärs und Funktionäre diskutieren, rote Absperrbänder, wartende Menschen und eine Zeitzeugin, die ein Interview gibt. Szenen, die sich wie ein rotes Band durch die Bilder ziehen und so den Blick öffnen für Nebenschauplätze, Beiläufiges und Unerwartetes. Sie verweigern sich den repräsentativen Momenten des offiziellen Gedenkens und hinterfragen die staatlich inszenierte Vergangenheitspolitik und deren Repräsentation.
Die Durchhalteparole „Tenez bon, nous arrivons / Haltet durch wir kommen“ geht zurück auf eine Nachricht von General Lerclerc, die am 24. August 1944 über einer Pariser Polizeidienststelle aus einem Kleinflugzeug der französischen Panzerdivision abgeworfen wurde, um die Bevölkerung zum Durchhalten aber auch zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufzufordern und die heldenhafte Rückkehr General Charles de Gaulles in das befreite Paris vorzubereiten.
„Paris wurde beleidigt. Paris wurde gebrochen. Paris wurde gequält. Aber Paris ist befreit! Befreit durch sich selbst, befreit durch sein Volk mithilfe der französischen Armee und mit der Unterstützung von ganz Frankreich.“ Die Worte von General Charles de Gaulle in seiner berühmten Rede vor dem Pariser Rathaus am Abend des 25. August 1944 begründen den bis heute existierenden Mythos des stets souverän gebliebenen Frankreich, das sich selbst aus eigener Kraft befreite. Was de Gaulles damals wissentlich überging war die Bedeutung und Rolle der Alliierten bei der Befreiung der Stadt und auch die Kollaboration der Vichy-Regierung mit den deutschen Besatzern. Sie fanden bewusst keinen Eingang in die Darstellung der Befreiung als ausschließlich französische Erfolgsgeschichte. Der Mythos ist heute, 75 Jahre später, noch immer ein wichtiger Bezugspunkt innerhalb der staatlich inszenierten Vergangenheitspolitik Frankreichs. Als identitätsstiftendes Moment im Rahmen des öffentlichen Gedenkens legitimiert er gegenwärtiges politisches Handeln, wenngleich die Rolle des souverän gebliebenen Frankreichs in Wissenschaft und Forschung mittlerweile stärker hinterfragt wird. Um die Auseinandersetzung mit jenem Mythos und seiner geschichtlichen Inszenierung in der Gegenwart geht es auch in den Bildern von Luise Schröder. 
Erinnerung ist ein Gespenst, der Titel der Ausstellung von Luise Schröder im Salzburger Kunstverein, ist zugleich auch namensgebend für die neue Intervention der Künstlerin in der Gartenanlage des Künstlerhauses. Die Intervention besteht aus zehn mobilen Aufstellern mit der Aufschrift Erinnerung ist ein Gespenst. Diese sind sichtbar um das Gebäude positioniert und geben vor eine Ankündigung oder ein Werbeauftritt zu sein.
In Anlehnung an Siegfried Kracauers These, die Fotografie sei ein Gespenst, in der Kracauer hervorhebt, dass die Fotografie selbst tote Momente zeige, die nicht mehr existieren, möchte Luise Schröder eine Brücke in unsere Gegenwart schlagen. Sie formuliert Kracauers These um und behauptet: Erinnerung ist ein Gespenst.
Die grafische Gestaltung dieses Satzes mutet an wie ein literarisches Zitat und doch ergibt sich eine Irritation, eine bewusste Leerstelle, die den üblichen Lesefluss unterbricht. Der Satz ist eine Aufforderung an die Betrachter_innen das aktuelle Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit zu reflektieren. Die Covid-19 Krise ist mit zahlreichen sozialen und ökonomischen Konsequenzen wie beispielsweise der vorübergehenden Schließung von Kultur- und Bildungseinrichtungen, der finanziellen Notlage von Geringverdiener_innen und Selbstständigen, zunehmender häuslicher Gewalt und eingeschränkten sozialen Kontakte verbunden. Unsere Gegenwart wird schon jetzt als ein historischer Moment beschrieben, von dem aus betrachtet nichts mehr so sein wird, wie es einmal war.
Die eigens für die Arbeit verwendete Schrift „off“ stammt von Reymund Schröder, der sich in seiner Gestaltung formal und inhaltlich auf eine 1953 posthum herausgegebene Schrift von Walter Tiemann mit dem Namen „Offizin“ bezieht. Es ist die zweite Kooperation der Künstlerin mit dem Schriftgestalter Reymund Schröder, der im Rahmen ihrer künstlerischen Arbeit Die vergessene Mobilisierung die Schrift Friedlaender eigens für die Intervention im öffentlichen Raum gestaltete.



Luise Schröder ist bildende Künstlerin und lebt und arbeitet in Frankreich und Deutschland. Sie studierte Fotografie und Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (DE). Ihre Projekte und Arbeiten wurden in den vergangenen Jahren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert, u.a. bei den Rencontres Internationales Paris/Berlin (F), in der Kunsthalle Baden Baden (DE), in der Galerie EIGEN+ART (Berlin/Leipzig, DE) und während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst in Berlin (DE). Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhielt die Künstlerin 2012 den C/O Talents Award und 2020 den SpallArt Preis Salzburg. Darüber hinaus hatte sie 2016 einen Aufenthalt in der Villa Aurora in Los Angeles und wurde 2018/19 vom Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien mit einer Residenz in der Cité Internationale des Arts in Paris ausgezeichnet. Kürzlich erhielt sie das französische Fotostipendium Regards du Grand Paris, welches von Ateliers Médicis und CNAP/Centre national des arts plastiques initiiert und unterstützt wird.

www.luiseschroeder.org