"Untitled (Male/Female Artist)"
Gelatinesilberabzug
rückseitig signiert, datiert und nummeriert (Bleistift)
Indem sie die Kamera auf sich selbst richtete, wurde Cindy Sherman zu einer der bedeutendsten Fotografinnen des späten 20. Jahrhunderts. Obwohl sie meist sich selbst fotografiert, handelt es sich nicht um Selbstporträts. Sherman nutzt ihren eigenen Körper als Mittel, um Rollenbilder, insbesondere die Konstruktion von Geschlecht und die Rolle des Künstlers, kritisch zu untersuchen. In zahlreichen Werkserien entwickelte sie einen unverwechselbaren Stil, der Fragen zu Identität, Repräsentation und Machtstrukturen im Kunstbetrieb aufwirft.
Sherman wuchs ohne engen Bezug zur Kunst auf. Erst im Studium am State University College in Buffalo fand sie zur künstlerischen Praxis. Nach anfänglicher Malerei wandte sie sich der Fotografie zu, die ihr erlaubte, Ideen konzeptuell und performativ umzusetzen. Nach ihrem Abschluss 1976 zog sie nach New York und erlangte mit den Untitled Film Stills internationale Aufmerksamkeit, in denen sie stereotype Frauenfiguren aus Film und Medien verkörperte.
Diese Auseinandersetzung mit Rollenbildern setzt Sherman in der Serie Untitled (Male/Female Artist) fort. Hier inszeniert sie sich als männliche und weibliche Künstlerfiguren und hinterfragt Autorität, Ego und Geschlechterzuschreibungen innerhalb der Kunstwelt. Durch Maskerade, Kostüm und bewusst überzeichnete Posen entlarvt sie den Künstler als gesellschaftliche Rolle und nicht als authentisches Selbst. Die anonymen Titel unterstreichen erneut, dass es nicht um Cindy Sherman als Person geht, sondern um kulturelle Konstruktionen von Identität.
(Christoph Fuchs)



