"Assia"
Gelatinesilberabzug
signiert, betitelt, datiert (Bleistift) und Künstlerstempel auf der Rückseite
Roger Schall zählt zu den Pionieren der französischen Reportagefotografie und war stilistisch eng mit dem Neuen Sehen (La Nouvelle Vision) verbunden. In diesem Bild begegnen wir einem der faszinierendsten Künstlerinnenmodelle der Pariser Zwischenkriegszeit: der russischstämmigen Assia Granatouroff (1911–1982), Muse zahlreicher Fotografen der Moderne, darunter Brassaï, Dora Maar, Moï Ver, Éli Lotar und eben auch Roger Schall.
In zahlreichen Arbeiten mit Assia sucht Schall nach einer fotografischen Umsetzung seiner Idee des Neuen Sehens. In dieser 1933 entstandenen, ikonischen Aufnahme zeigt er sie nicht nur als Aktmodell, sondern erschafft ein Sinnbild jener neuen Körperauffassung, die sich im Spannungsfeld von künstlerischer Avantgarde, Mode und Fotografie herausbildete.
Der weibliche Körper erscheint hier zugleich skulptural und lebendig. Das Licht modelliert Assias Silhouette als Reminiszenz an die klassische Formensprache, jedoch gebrochen durch einen modernen, bildfüllenden Ausschnitt. Der Schatten einer fremden Hand bringt eine spielerische Komponente von Erotik und Begehrlichkeit ins Bild – ein Sinnbild für den sich wandelnden Blick auf Körperlichkeit und Nacktheit.
Die Fotografie Assia ist damit weit mehr als ein Aktporträt. Es ist ein Bild der Epoche, des vibrierenden Paris der 1930er Jahre, in dem Fotografie zur Kunstform wurde und der weibliche Körper zum Träger eines kulturellen Wandels.
(Christoph Fuchs)



