Ansicht vorne
Inv. Nr.S-2922
KünstlerLisette Modelgeb. 1901 in Wien, Österreichgest. 1983 in New York, USA
Titel

"Bois de Boulogne, Paris"

Jahr1933-1938 / 1976-1981 (Gerd Sander)
Technik

Gelatinesilberabzug auf Agfa Papier

Bildgröße50 x 39,9 cm
Signatur

rückseitig Fotografinnenstempel, signiert und datiert von Julian Sander (Bleistift), nummeriert von Gerd Sander (Bleistift)

Kommentar

"Sie sitzt im Bois de Boulogne … und betet. Das ist eine Bibel – aber ich kann diese Art von Frau identifizieren. Sie stammt aus der Haute Bourgeoisie. Sie ist sehr wohlhabend oder wohlhabend, wahrscheinlich Witwe – sie hat nichts zu tun, außer mit einer Art Eleganz und Vornehmheit zu leben und zu beten …"1
Lisette Model

Lisette Model wurde in Wien geboren, wo sie bei Arnold Schönberg Klavier und Kompositionstheorie studierte. Nach dem Tod ihres Vaters zog Lisette 1926 mit Mutter und Schwester nach Frankreich. In Paris begann sie ein kurzes Gesangsstudium, wechselte dann zur Malerei bei André Lhote, einem Kubisten, dessen Schüler auch Henri Cartier-Bresson und Dora Maar waren. Bald wandte sie sich der Fotografie zu, die ihr eine direktere Ausdrucksform bot. Unterstützt von ihrer Schwester Olga lernte sie bei Rogi André sachliche Straßen- und Porträtfotografie und vertiefte ihre Ausbildung später bei Florence Henri, die Malerei und Fotografie verband. Diese Erfahrungen prägten ihren modernistischen Stil, geprägt von Experimentierfreude, formaler Kühnheit und sozialem Blick.
In den 1930er Jahren fotografierte Model die soziale Ungleichheit um sie herum: Bettler und Straßenhändler standen im Kontrast zur selbstgefälligen Bourgeoisie in Pariser Cafés. In der Serie "Promenade des Anglais" hielt sie die wohlhabenden Mußiggänger an der Riviera in Niza von 1934 bis 1938 distanziert und grotesk fest – scharf in der Komposition, kritisch im Ton, als Spiegel einer Gesellschaft am Abgrund. Viele ihrer Arbeiten veröffentlichte sie anonym oder unter Pseudonym in linksgerichteten Zeitschriften, zum ersten Mal 1935 in Regards.
In Paris lernte sie den russischen Maler Evsa Model kennen, Mitglied des avantgardistischen Kreises Cercle et Carré. Ihre Kontakte zu diesem Umfeld erweiterten ihr Verständnis für formale Abstraktion, die ihre spätere fotografische Kompositionskraft prägte. 1937 heirateten sie und emigrierten 1938 nach New York, auf der Suche nach Sicherheit und neuen kreativen Möglichkeiten angesichts des wachsenden Faschismus und antisemitischer Gewalt in Europa.2
(Christoph Fuchs)

 

Anmerkungen

1
Galerie Julian Sander, Köln

2
vgl. Audrey Sands, "Lisette Model: Traue Deinen Augen" in: Galerie Julian Sander (Hg.), Model. Gerd Sander Collection Part 4, Ausst. Kat. Galerie Julian Sander, Köln 2025, S. 6–12.

 

S-2922, "Bois de Boulogne, Paris"
Lisette Model, "Bois de Boulogne, Paris", 1933-1938
S-2922, Ansicht vorne
© Estate of Lisette Model