"Dove"
Gelatinsilberabzug
rückseitig betitelt und signiert (Bleistift)
Harold „Doc“ Edgerton gilt als Pionier der Hochgeschwindigkeitsfotografie. Mit der von ihm ab 1931 entwickelten Stroboskoptechnik gelang es, extrem kurze Lichtblitze zu erzeugen und damit Bewegungen einzufrieren, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Das Bild des fliegenden Vogels demonstriert diese technische Meisterschaft in eindrucksvoller Weise.
Bereits in den 1870er Jahren untersuchte Eadweard Muybridge Bewegungen fotografisch. Edgertons technische Entwicklungen drangen jedoch tiefer in die Abläufe ein und machten bislang unsichtbare Details sichtbar. Er synchronisierte sein elektronisches Stroboskop mit einer speziellen Hochgeschwindigkeitskamera, sodass mit jedem Blitz genau ein Filmbild belichtet wurde. Während Filme üblicherweise mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen und projiziert wurden, erlaubten Edgertons Kameras mit bis zu 15.000 Bildern pro Sekunde, Bewegungen stark zu verlangsamen und unsichtbare Zwischenschritte sichtbar zu machen.
In seinem Labor am MIT in Cambridge dokumentierte er in zahllosen Versuchen Projektilbahnen, fallende Tropfen, sportliche Bewegungen oder den Flug von Vögeln. Sobald die Taube freigelassen wurde, breitete sie ihre Schwingen aus. Durch die präzise Synchronisation von Stroboskop und Kamera wurde der Flügelschlag in jeder Phase gestochen scharf erfasst – der vorliegende Abzug ist ein Bild aus einer solchen Sequenz. Der Schatten an der Laborwand verstärkt dabei die dramatische Wirkung und verweist zugleich auf das experimentelle Setting.
Edgertons Aufnahmen entstanden aus wissenschaftlicher Neugier und dienten zunächst der Analyse von Bewegungsabläufen. Bald fanden sie jedoch Eingang in Ausstellungen und Publikationen, wo sie als eindrucksvolle Verbindung von Wissenschaft und Ästhetik wahrgenommen wurden. Seine Bilder zeigen die Welt in Momenten, die ohne seine technische Innovation unsichtbar geblieben wären – und machten das Unsichtbare dauerhaft sichtbar.
(Christoph Fuchs)


