"Lichtform"
Unterstinkenbrunn, NÖ
Gelatinesilberabzug auf Aluminium Dibond
Unsere Wahrnehmung ist hauptsächlich damit beschäftigt, Objekte und Gegenstände unserer Umgebung zu erkennen und zu ordnen, um uns orientieren zu können. Licht als solches nehmen wir dabei kaum wahr. Das hat damit zu tun, dass unser Intellekt mit dem Erlernen von Sprache gebildet wird, die aus gegenstandsbezogenen Begriffen besteht. Licht ist die allgegenwärtige Voraussetzung für unsere Wahrnehmung. Doch selbst das Schwinden des Lichts in der Dämmerung nehmen wir eher als Farbe, als Blau-Färbung, wahr. Ebenso schwierig ist es, Licht mit den Mitteln der klassischen Fotografie per se darzustellen. Licht ist zwar das Medium im Prozess der Belichtung, zeigt sich aber immer mittelbar über die dargestellten Objekte.
Auf die Thematik des Lichts bin ich über das Gegenteil, die Dunkelheit, gekommen. Ausschlaggebend war die Entdeckung eines leerstehenden sehr großen Gebäudes. Ganze Gebäudeteile lagen in Dunkelheit und in manche dieser leeren Innenräume drangen nur Spuren von Licht durch halb geöffnete Türen und Fenster. Ich habe dabei erfahren, dass Licht durch Schatten und Dunkelheit nicht nur sichtbar wird, sondern wie auf einer Theaterbühne emotionale Spannung erzeugt.
Zwischen 2014 und 2020 habe ich mich in zwei Serien mit dem Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit in reduzierter Form beschäftigt: Schattenlicht entstand in abgedunkelten Innenräumen leer stehender Gebäude, während Nachts im Stadtraum von Venedig bei nächtlicher Straßenbeleuchtung realisiert wurde.
Seit Herbst 2023 verfolge ich einen neuen Ansatz in meiner Auseinandersetzung mit Licht: Ich arbeite ausschließlich mit direktem Sonnenlicht. Die daraus entstehenden harten Kontraste zu den Schattenbereichen erzeugen eine grafische Ästhetik, die in der grafischen Auflösung der Schwarz-Weiß-Fotografie eine direkte Entsprechung findet. Die Konzentration auf das Licht-Schatten-Verhältnis verlangt eine möglichst reduzierte Bildkomposition. Dafür nutze ich beiläufige, alltägliche Elemente – Fassaden, Kanten, Strukturen – als Bühne für das Licht. In diesem Dialog entsteht ein Bildraum, der durch die Präsenz des Lichts eine skulpturale Qualität gewinnt.
(Nikolaus Korab)
