"Bewegungsstudie"
Heliogravüre
im Negativ signiert, rückseitig typografisch bezeichnet "Kodak Magazine Supplement 'Bewegungs Studie' by Rudolf Koppitz from the Royal Photographic Society Collection"
Rudolf Koppitz gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Fotografen der Zwischenkriegszeit und als einer der wichtigsten Vertreter der Kunstfotografie im deutschsprachigen Raum. Sein Œuvre umfasst mehrere Jahrzehnte und ist geprägt von einer enormen Bandbreite an Stilen und Techniken. Koppitz begann seine Karriere als Fotograf im Jahr 1908. In dieser Zeit war die Fotografie hauptsächlich auf die Dokumentation von Realität und Natur beschränkt, doch Koppitz zeigte bereits in seinen frühen Arbeiten eine Vorliebe für das Ästhetische und den Kunstcharakter der Fotografie. Ab den 1910er Jahren experimentierte Koppitz mit verschiedenen fotografischen Techniken und entwickelte seine eigene Bildsprache, die von der Ästhetik des Piktorialismus beeinflusst war. Dabei handelt es sich um einen Stil, der sich durch weiche Konturen, atmosphärische Stimmung und eine gewisse Unschärfe auszeichnet. Koppitz setzte diese Technik in seinen Landschaftsaufnahmen ein und schuf so Bilder von beeindruckender Schönheit und Intensität. In den 1920er Jahren wandte sich Koppitz mehr der Aktfotografie zu. Seine Aktstudien sind durch eine besondere Klarheit und Schärfe geprägt und zeigen Frauen in dynamischen Posen, die Stärke und Schönheit vermitteln und in ihrer Formgebung und Ausgestaltung teils noch dem Jugendstil, teils dem Konstruktivismus nahestehen.
Die Bewegungsstudie aus dem Jahr 1925 ist wohl die bekannteste Fotografie von Koppitz. Die Aufnahme zeigt eine Bewegungsstudie der russischen Tanzgruppe der Solotänzerin der Wiener Staatsoper Claudia Issatschenko, vor allem für den damals "modernen Kunsttanz" bekannt – heute als Ausdruckstanz bezeichnet.
(Christoph Fuchs)
Die Erfolgsgeschichte der Bewegungsstudien
Unabhängig davon, wie verhalten Rudolf Koppitz' erste Versuche auf dem Gebiet der Aktfotografie waren, das Genre wurde schnell zu seinem Markenzeichen. Koppitz blühte in seiner neuen Rolle als künstlerischer Aktfotograf auf, und schon im Jahr 1925 schuf er sein mit Abstand erfolgreichstes Werk, die Bewegungsstudie. Sie wurde zahllose Male von ihm selbst sowie auch von seiner Frau abgezogen, schon zu Lebzeiten vielfach verkauft, war regelmäßig in Ausstellungen zu sehen, heimste eine Auszeichnung nach der anderen ein, erschien in den verschiedensten Publikationen und bekam durchwegs Lob von der nationalen und internationalen Presse. Bis zum heutigen Tag erzielt sie bei Auktionen Spitzenpreise. Sie war und ist sein größter künstlerischer wie kommerzieller Erfolg und gehört zu den am meisten publizierten Bildern der Fotogeschichte. Umso erstaunlicher ist, dass über die Darstellung selbst und die Umstände ihrer Entstehung relativ wenig bekannt ist.
Drei Frauen in bodenlangen, schwarzen Kleidern schmiegen sich dicht aneinander, Sie bild einen dunklen Hintergrund, vor dem sich eine nackte Frau, offensichtlich eine Tänzerin, akrobatisch nach hinten beugt. Der Körper hebt sich deutlich von der Szenerie ab: Koppitz erweist sich hier als gelehriger Schüler Karel Nováks, dessen Spezialität es war, die Protagonisten mit Licht und Schatten sowie malerischen Effekten – oder einfacher gesagt mit Retuschen – hervortreten zu lassen, Die trapezförmigen Kutten sind fast zur Gänze ins Bild hineingemalt worden, um die beabsichtigte harmonische Wirkung zu erzielen.1 Unter dem opaken Block schimmern bei genauer Betrachtung die Originalgewänder durch. Zeitgleich mit der Bewegungsstudie entstanden zwei weitere, motivisch ähnliche Darstellungen mit denselben Modellen. Um wen es sich bei den Dargestellten der drei Studien handelt, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Nach Aussagen von Anna Koppitz stand das Ballett "Issatschenko Modell", das auch tatsächlich Anfang 1925, also etwa zu der Zeit, als die Fotografie entstanden sein soll2, ein Castspiel im Wiener Apollo-Theater gab. Die Modelle waren wohl allesamt anonyme Mitglieder der Tanzgruppe.3 Ein Foto des Ensembles, das für Vermarktungszwecke ber wurde, zeigt drei von ihnen auf Zehenspitzen stehend, in einer ähnlichen Konstellation wie die Bewegungsstudie. Es ist gut möglich, dass dieses Bild Rudolf oder Anna Koppitz in die Hände fiel und sie zu ihrem berühmten Werk inspirierte. Anna war während der Entstehung des Fotos Anfang 1925 hochschwanger, ließ es sich aber nicht nehmen, ihren Gatten tatkräftig im Atelier zu unterstützen. Sie gab den Tänzerinnen Anweisungen zu Posen und war damit maßgeblich am Erfolg der Bewegungsstudie beteiligt. Wie eingangs angedeutet, war sie der Katalysator für Koppitz' erwachendes Interesse am Akt. Dass er nun regelmäßig an Ausstellungen teilnahm, wurde wahrscheinlich ebenfalls von ihr gefördert. Die Bewegungsstudie jedenfalls kein vereinzelter Glücksgriff, sondern Teil eines sorgfältig erarbeiteten Konzepts, das seinen Anfang im Jahr zuvor nahm, als Koppitz' erste große Einzelausstellung in der Handelskammer in Wien stattfand, Dort zeigte er unter anderem Studien junger Mädchen der "rhythmischen Schule Hilda Hagers und der gymnastischen Schule Trimmell".4 Es handelt sich dabei wahrscheinlich um die Darstellung dreier Mädchen in Gymnastikkleidung und einen freizügigen Gruppenakt. Sie wirken in Bezug auf die artifiziellen Posen, die Auswahl der Modelle und den reduzierten Bildhintergrund wie Vorarbeiten zur Bewegungsstudie.
(Magdalena Vukovic, "Die Kunst des Körpers", in: Monika Faber (Hg.), Rudolf Koppitz. Photogenie. 1884–1936, Wien 2013, S. 31
Anmerkungen
1
Die Retuschen wurden wohl von Koppitz' Frau durchgeführt, die Berichten der Familie – so etwa den Angaben von Liselotte Koppitz' Mann Klaus Tavs am 25. Mai 2012 – zufolge meist die Nachbearbeitung der Fotografien übernahm.
2
Da Rudolf und Anna Koppitz' Tochter Liselotte im Mai 1925 geboren wurde, ergibt sich für die Entstehung der Aufnahme ein Zeitfenster von wenigen Monaten. Das entspricht auch der Aussage von Liselotte Koppitz gegenüber Monika Faber 1995 und den Angaben von Klaus Tavs am 25. Mai 2012.
3
Claudia Issatschenko, die Leiterin des Balletts, ist mit Sicherheit nicht das zentrale Modell der Bewegungsstudie. Sie war zu dem damaligen Zeitpunkt weit über vierzig Jahre alt und entspricht physiognomisch nicht der Abgebildeten. Dass ihre Tochter Tatjana Gsovsky Modell stand, lässt sich wohl mithilfe biografischer Daten ausschließen: Gsovsky wurde in Russland geboren und lebte dort auch nachweislich bis Ende 1925. Dann flüchtete sie nach Berlin. Eine kurze Ausreise aus Russland in den Monaten der Vorbereitung ihrer Flucht erscheint nicht vorstellbar. Vgl. Michael Heuermann, Tatjana: Leben und Werk der Choreografin und Pädagogin Tatjana Gsovsky, München 2007, S. 32–34
4
o. A., Kamera-Kunst, in: Der Tag, 24. Jänner 1925, S. 8

