"Christine"
Gelatinesilberabzug
rückseitig signiert und datiert (Bleistift)
Ralph Gibson gehört zu den zentralen Figuren der amerikanischen Fotokunst der Nachkriegszeit und ist besonders bekannt für seine surrealistischen Schwarz-Weiß-Bilder. Als Sohn der Hollywood-Filmindustrie (sein Vater war Regieassistent bei Alfred Hitchcock), entfachte Gibsons frühe Auseinandersetzung mit Filmsets seine Leidenschaft für die Fotografie. Er studierte Fotografie während seiner Zeit bei der US Navy und am San Francisco Art Institute. Er arbeitete mit bedeutenden Fotograf:innen wie Dorothea Lange und Robert Frank zusammen. Früh wandte er sich von der dokumentarischen Tradition ab und entwickelte eine stark subjektive, symbolisch aufgeladene Bildsprache, geprägt von Licht-Schatten-Kontrasten, Fragmentierung und formaler Reduktion.
Das streng komponierte Porträt Christine zeigt ein junges Mädchen im Halbprofil, ihr Gesicht durch Licht und Schatten exakt zweigeteilt. Nur ein Auge bleibt im Hellen sichtbar – wachsam, verletzlich und zugleich rätselhaft entrückt. Typisch für Gibsons Werk, die starke grafische Reduktion: Schwarz und Weiß, Form und Fragment, Andeutung statt Deutlichkeit.
"Mich fasziniert der alchemistische Prozess aus Licht und Film"1 so Gibson. Er sieht das Medium Fotografie nicht als bloßes Abbild der Realität, sondern als Instrument der inneren Erkenntnis.
Die Aufteilung des Gesichts in Licht und Schatten kann so als Symbol für eine gespaltene Identität gelesen werden, wie etwa in der Zeit des Erwachsenwerdens, die Gibson in der Serie Infantia behandelt. Gibson ist bekannt für seine subtile, fast mystische Erotik, welche auch hier im Bild Nähe (das Gesicht ist sehr nah) und zugleich eine große Distanz (es bleibt teils im Dunkel, unerkennbar) vermittelt – das erzeugt Spannung.
(Christoph Fuchs, 2025)
Anmerkung
1
Ralph Gibson, zit. n. Die Zeit, 18.6.2012, https://www.zeit.de/kultur/kunst/2012-06/fs-ralph-gibson-2 (aufgerufen 12.7.2025)



