"May Hillier and children"
Albuminabzug auf Karton
Julia Margaret Camerons Fotografie ist tief im viktorianischen Kultur- und Kunstverständnis verwurzelt und zudem Ausdruck einer radikal persönlichen Vision. Im Dezember 1863, wenig mehr als ein Jahr nachdem Roger Fenton, der bekannte Pioniere der frühen Fotografie in Großbritannien, seine fotografische Tätigkeit beendet hatte, erhielt Cameron ihre erste Kamera als Geschenk von Tochter und Schwiegersohn. „It may amuse you, Mother, to try to photograph during your solitude at Freshwater.“1 Sie war 48 Jahre alt und stammte aus einer wohlhabenden britisch-indischen Familie, verheiratet mit Charles Hay Cameron, einem Juristen und Mitglied einer angesehenen Familie und Kaffeeplantagenbesitzer in Ceylon (heute Sri Lanka). Sie war Mutter von sechs Kindern, tief religiös, gebildet und Freundin vieler der bedeutendsten Köpfe des viktorianischen Englands, darunter der Maler G. F. Watts, die Dichter Robert Browning, Henry Taylor und Alfred Lord Tennyson (ihr Nachbar auf der Isle of Wight) sowie Charles Darwin, Sir John Herschel und Thomas Carlyle.
Cameron begann die Fotografie ohne Vorkenntnisse und lernte die komplexen Techniken des Kollodium-Nassverfahrens auf Glasplatten autodidaktisch. Innerhalb von nur zehn Jahren wurde die Kamera für sie weit mehr als ein Zeitvertreib. „From the first moment I handled my lens with a tender ardour, and it has become to me as a living thing, with voice and memory and creative vigour.“2 Sie errichtete ein kleines Studio, verkaufte Arbeiten an Museen, organisierte Ausstellungen und veröffentlichte ihre Fotografien, ohne je kommerzielle Porträts im Auftrag anzufertigen. Stattdessen inszenierte sie Freunde, Familie und Hauspersonal, oft als Figuren aus Literatur, Religion oder klassischer Allegorie: Eine Kammerzofe wurde zur Madonna, der Ehemann zum Merlin, Nachbarskinder zum Christuskind oder Engel.
May Hillier and Children zeigt Mary Ann Hillier (1847–1936), eines von Camerons häufigsten Modellen und auch als Hausmädchen bei ihr angestellt,3 mit zwei Kindern in einer stillen, intimen Gruppierung. Cameron transformiert das Motiv zu einer Allegorie von Fürsorge, Unschuld und moralischer Reinheit, die das viktorianische Ideal weiblicher Tugend widerspiegelt. Die weiche Fokussierung, das dramatische Hell-Dunkel und die enge, fast skulpturale Anordnung der Figuren machen die Szene weniger zu einem Dokument, sondern zu einer spirituell aufgeladenen, fast malerischen Bildkomposition. Wie die Präraffaeliten4, die sie kannte und schätzte, orientiert sich Cameron an mittelalterlicher und frühitalienischer Kunst, kombiniert Naturbeobachtung mit Symbolik und moralischem Gehalt und überträgt diese Prinzipien in die Fotografie.
Obwohl ihre Arbeit von manchen zeitgenössischen Fotografen wegen Unschärfe und vermeintlicher technischer Mängel kritisiert wurde, erhielt sie von Künstler:innen und Schriftsteller:innen große Anerkennung. Die Rezeption verdeutlicht, dass Cameron weniger auf technische Perfektion als auf die spirituelle und emotionale Wirkung ihrer Bilder abzielte. In nur etwa einem Jahrzehnt schuf sie rund 900 Fotografien, die heute als Spiegel der viktorianischen Seele gelten und den Status der Fotografie als künstlerisches Medium begründeten.
(Christoph Fuchs)
Anmerkungen
1
zit. nach Malcolm Daniel, “Julia Margaret Cameron (1815–1879)” in: Heilbrunn Timeline of Art History, The Metropolitan Museum of Art, New York 2000, http://www.metmuseum.org/toah/hd/camr/hd_camr.htm (aufgerufen 19.12.2025)
2
ebd.
3
National Portrait Gallery, London, https://www.npg.org.uk/collections/search/person/mp16508/mary-ann-hillier (aufgerufen 19.12.2025)
4
Die Präraffaeliten (engl. Pre-Raphaelite Brotherhood, PRB) waren eine britische Künstlergruppe, die 1848 in London gegründet wurde. Sie spielten eine zentrale Rolle im viktorianischen Kunstverständnis und sind wichtig für das Umfeld, in dem auch Julia Margaret Cameron arbeitete und rezipiert wurde. Wichtige Mitglieder waren Dante Gabriel Rossetti (1828–1882), John Everett Millais (1829–1896) und William Holman Hunt (1827–1910).


