"Niederösterreichische Landesbibliothek, Eck 3"
C-Print auf Aluminium
rückseitig betitelt, signiert und numeriert (Tinte)
Die Fotografie ignoriert den Raum, ihr gerät alles zum Vordergrund. Die Erscheinungen vor der Kamera werden zueinander geschoben, das Nächste kommt vor dem weiter Entfernten, dieses vor dem zuletzt Befindlichen zu liegen. Das Eine verdeckt Teile des Nächsten, dieses das Folgende und so weiter. Aus langgestreckten Körpern werden breitere oder schmälere Flächen, je nach dem Winkel, aus dem sie gesehen werden. Verformungen finden statt: Rechtecke verwandeln sich in Trapeze, flache Dinge gegebenenfalls in Linien, Ovale können gar kreisförmige Gestalt annehmen. Es existieren nur noch Konturen, Muster und Farben.
Die Optik der Apparatur hat die sichtbaren Gegenstände in eine neue Perspektive gesetzt, die als Bild aufgezeichnet wird. Der Betrachter sucht die Verbindung zur Wirklichkeit, indem er aus dem, was zu erkennen ist, eine andere entwirft: eine Art Konstruktion gegen die Bestimmtheit von Linsen und Spiegeln, angereichert um die und geformt nach den eigenen Erfahrungen des Erlebens und Wahrnehmens. Es handelt sich nicht um eine Rekonstruktion der Verhältnisse, die während der Aufnahme bestanden haben, sondern um einen neuen Entwurf, der die Elemente des Bildes zu den Erinnerungen und Vorstellungen ins Verhältnis setzt. Diesen Vorgang nennt man Sehen.
Was die Machart von Büchern und den Umgang mit ihnen auszeichnet, hat auf unterschiedliche Weise Eingang in das Konzept von Robert Zahornicky gefunden. Er besucht öffentliche und private Bibliotheken und wählt einen Ausschnitt, der aus waagrechter Sicht festgehalten wird. Die Kamera ist den Buchreihen oftmals so nahe, dass die Prägungen und Aufdrucke auf den Rücken zu entziffern sind. Entweder wird in eine Ecke geblickt oder frontal auf eine Wand zugegangen. Die C-Prints in den Maßen 50 x 40 oder 150 x 75 cm finden ihren Halt auf Alu-Platten, deren zwei Seiten in einem Winkel von 90 Grad zueinander stehen. So dass der Blick wie auf eine Bücherecke fällt, die ihr Vorbild auf Anhieb nicht verrät. Erst die nicht zueinander passenden Perspektiven des linken und rechten Bildteils lassen erkennen, dass der rechte Winkel des Regals zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht bestanden hat. Die Bildlegende nennt den Ort, an dem fotografiert worden ist.
Das Bekannte verflicht sich mit dem Unbekannten, das Lesbare mit dem Undeutlichen, das reale Eckregal mit dem fotografischen. Der mit der Verbildlichung verlorene Raum wird mit der Inszenierung des Bildes wieder gewonnen. Selbstverständlich ist es ein anderer Raum, aber immer einer, der den Betrachter des Originals wie der Fotografie gleichermaßen anzieht. Die Bücherecke steht ja nicht nur für das materielle Zusammentreffen zweier Regalwände, sondern zugleich als Synonym für den Rückzug aus dem Alltag: ein Ort des ungezwungenen Bei-sich-Seins, ein Refugium der Stille, des Vergessens, manchmal ein Platz mit Lehnsessel und Leselampe.
Jedes Bild verheißt Einblicke in die Welt der gedruckten Aufzeichnungen, des Wissens und der Ideen, der Erfahrungen. Und tritt man näher, voller Neugierde und Erwartung, um Gewissheit zu erlangen, womit man es zu tun hat – so ähnelt diese Hinwendung jener, wenn sich der Kopf über ein aufgeschlagenes Buch beugt. Deren Form hat Robert Zahornicky für seine Bücherecken übernommen. Sie bedienen sich der Geste des Umblätterns, sie fallen auf den Wechsel der Seite, die auch ein Wechsel der Ansicht ist, auf jenen Moment, der zugleich Abschluss und Neuanfang bedeutet, in dem die alten Geheimnisse noch nachhallen und sich die neuen zu entfalten beginnen.
(Timm Starl)
