Ansicht vorne
Inv. Nr.S-1903
KünstlerMarko Lipušgeb. 1974 in Eisenkappel/Železna Kapla, Österreich
Titel

"Oberfläche 13"

aus der Serie "Babica"
Jahr2015
Technik

C-Print auf Aluminium, gekratzt

Bildgröße100 x 80 cm
Auflageunique
Signatur

rückseitig am Aluminium signiert, betitelt, datiert und numeriert (Tinte)

Kommentar

Auf der Suche nach dem Verborgenen

Eine Person verschwindet. Sie wird der Sichtbarkeit entzogen, hat kein Bild mehr von sich. Der Wiener Fotokünstler Marko Lipuš besitzt ein einziges Foto seiner Großmutter aus den 1930er Jahren. Auf diesem sitzt sie neben ihrem Ehemann Franz Lipuš auf einer Bank; ein junges Ehepaar blickt den unbekannten Fotografen an, ein stolzer, zuversichtlicher Ausdruck in ihren Mienen, Maria etwas lächelnd, mild, weich. Wenige Jahre später verschwindet diese Frau im Konzentrationslager Ravensbrück; es versiegt ihr Leben dort, bildlos, kommentarlos in der Finsternis einer brutalen Mordmaschinerie.
Das Foto aus den frühen Tagen ihrer Ehe konserviert das Bild einer Frau, deren Leben nur zaghaft zurückverfolgt werden kann. Ausgangspunkt für die Recherche ihres Enkels ist der dem martialischen Furor einer Vernichtungslogik geschuldete Feldpostbrief aus dem Lager an den Witwer, der lapidar ihren Tod mitteilt. Der Weg ins KZ, die zwei Jahre in den Baracken, die Frage des Grundes für ihre Deportation bleiben im Verborgenen. So wie das eine erhaltene Bild den kleinen Funken eines kurzen Lebens in sich birgt und vielleicht als vage Idee an die Nachkommen übermittelt, so vertraut der Enkel dem Bildmedium der Fotografie seine Suche nach dem Verborgenen an. Für ihn ist das Bild ein Speicher an Erinnerung, ein Konservierungsmittel von Ungesehenem und ein Instrument zur Schürfung in ungehobenen Sedimentschichtungen. Im Sinne einer dokumentarischen Bildsprache wären Fotografien Beweise von Wirklichkeit und Zeugnisse von realen Ereignissen. Lipuš erweitert allerdings die Möglichkeiten des fotografischen Bildes um eine zusätzliche, interpretierende Komponente; seine ikonische Rhetorik ist die von Rede und Widerrede, von Bild und Meta-Bild, von Ansicht und Einsicht. Aus diesem Grund schafft er nicht Fotografien, die Ansichtigkeit und Wirklichkeit im Bild vermitteln, sondern Bearbeitungen und Eingriffe, die das ursprüngliche Bild verändern und verstören. Marko Lipuš erachtet seine fotografischen Bilder als prima materia, von der ausgehend er sich die Motive durch eigenhändige Manipulation und direkte Eingriffe aneignet.

Die Narben der Bilder

Das Bild der Babica, der liebevoll slowenisch bezeichneten Großmutter, ist von zarter Intimität und gelassener Ruhe. Ein stilles Doppelporträt, wie unzählige Bildnisse versiegelt im Tresor der Zeitlichkeit und sakrosankt in der unerschütterlichen Dauer seiner Aussage. Anders die Fotos, die Marko Lipuš von seinen verschiedenen Reisen auf den Spuren seiner verlorenen Großmutter mitgebracht hat. Schon die Fotografien künden vom Vergehen einer Zeit, vom Bröckeln der Bauten, vom unseligen Wesen eines Ortes, den sich die Natur zurückholt, um die Schuld tilgen zu helfen. Dann verändert der Fotograf seine Bilder. Die ungezählten Dokumente der Ansichtigkeit des Ortes des Schreckens werden zu einigen, wenigen Bildern komprimiert. Sie künden von den Wegen, die die Todgeweihten gingen, von den Pflastersteinen, über die sie schritten, von den Wandflächen, die sie berührten, von den Öffnungen, die ihnen einen Blick nach draußen verhießen. Diese vergrößerten Ansichten holt sich der Künstler heran, sie sind nicht nur zum Betrachten und Nachsinnen, sondern sie sind zum Eindringen und Wegarbeiten. Die schönen, abstrakten Farbkompositionen von Wandstrukturen und Fliesenmustern, von monochromen Bodenflächen und graphischem Lineament werden aufgerissen und zugekratzt, ihnen werden Partikel herausseziert und Strichsetzungen eingeätzt. Marko Lipuš kann der vordergründigen Harmlosigkeit von Ruinenästhetik nur seine eigene heftige Aktivität entgegensetzen: Er überzieht die authentischen Zeugnisse der Un-Orte mit einem Netz von Wunden und Verletzungen, die Bilder bleiben zurück, mit Narben und Schrunden.

Die Haut des Vaters

Erinnerung und das Konservieren von Erinnertem liegen dem literarischen Werk von Florjan Lipuš zugrunde. Mittels der Figur des Zöglings Tjaži zeichnet er Spuren seiner eigenen Jugend und seine Ohnmachtsgefühle gegenüber den Autoritäten, sei es in Familie, Schule oder katholischer Kirche. Der Gewalt wird von dem jungen Internatsschüler ein ihm eigenes Mittel entgegengesetzt: das Kratzen. Zunächst ist es ein Akt der Verteidigung und der Auflehnung gegen Züchtigung, aber dann wird es zu einem Mittel der Aneignung: die Kratzspuren sind Kennzeichen. Das Einkerben von Zeichen, die das eigene Tun auf der Oberfläche von Gegenständen und Körpern hinterlässt, ist ein Modus der Identitätsstiftung. Auch wenn im Fall des jungen Tjaž damit Rebellion und Abwehr signalisiert werden, so unterwirft der Kratzer diese Objekte seiner direkten Bearbeitung, drückt ihnen durch die Verletzung das untrügliche Mal seines Eingriffs auf.

Marko Lipuš widmet sich im ersten Kapitel seiner Fotoarbeit „Babica“ einer ähnlich gelagerten Aneignungsstrategie. In großen Farbfototafeln zeigt er Hautpartien von den Armen, Händen, anderen Körperteilen seines Vaters. Florjan Lipuš, einer von zwei Söhnen von Maria Lipuš und bei deren Abtransport ins KZ gerade sechs Jahre alt, ist der Zeitzeuge und Bewahrer des Erbes seiner Mutter, das er wiederum an seinen Sohn weitergibt. Marko nun führt diese Verbindung fort, indem er die Hautoberfläche des Vaters antastet: Er überzieht die nahsichtigen Haut-Fotos mit einem Criss-cross aus Kratzungen und Ritzungen. Mit Schmirgelpapier wird das Geschlossene der Epidermis geöffnet, aufgeraut, verletzt, gestört. Poren, Härchen, Pigmentflecken, Rötungen werden zu einer bildlichen Gesamtheit amalgamiert; die oberste, äußerste, empfindlichste Schicht des Menschen wird verletzlich und wund gezeigt.

Orte jenseits der Wahrnehmung

Immer weiter nach innen, immer mehr ins Innere führen die Wege den Fotografen auf der Spur nach dem Verborgenen, auf der Suche nach Wegen, Relikten und Zeichen der Verschwundenen. Ein Kapitel seines vielteiligen Foto-Essays ist den Gegenständen gewidmet, die sich im Lager gefunden haben. Blechtassen, Bürsten und Kämme werden vom Fotografen aus ihrer Umgebung isoliert und wie Stillleben der Neuen Sachlichkeit präsentiert. Da auch sie die Spuren der Auslöschung in sich tragen, sind sie ebenso intime Träger von Nachrichten der Verschwundenen wie die Steinplatten, die noch den Hall ihrer Schritte in sich bergen. Marko Lipuš verlängert die nüchterne Präsenz der Objekte durch seine Weiter-Zeichnung ins Bedeutsame: Die Gegenstände vibrieren und changieren in ihrem So-Sein, sie sind banale Objekte und gleichzeitig mit Bezügen aufgeladene Reliquien. Die Orte, die Fundstätten haben sie verlassen, um in einem anderen Kontext von ihren damaligen Zuständen zu sprechen. Und das Territorium der Lageranlage wird zu einer Totalen, in der sich die Topographie des Todes unserer Wahrnehmung vollends entzieht. Die Mittel der Bildveränderung und Bildverfremdung sind – wie die Manipulationen und das kratzende Eingreifen – Synonyme für die Kennzeichnung des Bildes durch die Merkmale der eigenen Anwesenheit; erst dadurch, dass Marko Lipuš selbst auf die Lagerbauten und die sie umgebende Landschaft geblickt hat, konnte er sich der Sehstörung vergewissern, die sich einstellt, wenn etwas ansichtig wird, das der Sphäre des Unansichtigen angehört. Seine blendend weißen Ansichten sind Bilder, deren Motive wie weggetaucht sind. Kaum erkennbar ragen vage Silhouetten aus dem Nebel der Weißfärbung heraus, bilden sachte Zusammenhänge, visuelle Mutmaßungen, Nachbilder einer Netzhautüberreizung bis hin zur Blindheit. Das Verschwinden ist nicht nur ein Prozess des Verdunkelns, des Nicht-mehr-Sehens, sondern andererseits auch ein Phänomen des bloß nur noch Ahnens, der vagen Vermutung, der Bilderreste, die sich schemenhaft abzeichnen, während rundherum alles in gleißendes Gegenlicht getaucht zu sein scheint.

Mit der Oeuvregruppe „Babica“ hat sich Marko Lipuš im Gedenken an seine Großmutter auf die Suche nach dem Verborgenen im Bild begeben. Die Erzählung von ihrem Schicksal wird in einer komplexen Bildsprache vorgetragen, die einerseits – mit dem Mittel der von ihm schon länger angewandten Kratzungen – zu einer Entsprechung von Inhalt und Form gefunden hat und andererseits eine größtmögliche Distanz auslotet zwischen den wirklichkeitsabbildenden Fotografien und ihrem ikonischen Verweischarakter.
(Margit Zuckriegl)

S-1903, 





"Oberfläche 13"
Marko Lipuš, "Oberfläche 13" , 2015
S-1903, Ansicht vorne
© Marko Lipuš

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